TEDDYS kreativ

2017-10-13 13:59:32

Stattliche Burschen

Ausgabe 06/17

Lebensgroße Bären von Merrythought

Teddybären sind in aller Regel eher handlich. Denn schließlich sollen sie als treue Begleiter sowie Seelentröster in puncto Größe zu ihren Besitzern passen und auch von kleinen Kinderarmen umschlungen werden können. Aber es gibt auch solche Exemplare, die sprengen übliche Teddy-Dimensionen. Diese kommen häufig als Schau- und Ausstellungsstücke zum Einsatz. So wie die lebensgroßen Teddybären, die seit den 1980er-Jahren von der englischen Manufaktur Merrythought hergestellt werden.

Seit fast 30 Jahren habe ich in meinem Geschäft ein ungewöhnliches Maskottchen. Er ist kein Begleiter im eigentlichen Sinne, denn er steht die meiste Zeit vor der Tür und begrüßt große und kleine Kunden: Es handelt sich um einen lebensgroßen Teddy, hergestellt von der traditionsreichen englischen Manufaktur Merrythought. Damals, Ende der 1980er-Jahre, waren folgende Outfits für die „langen Kerls“ von der Insel mit ihrem Gardemaß von gut 182 Zentimeter (6 Fuß) erhältlich: Sie konnten als Londoner Polizeibeamter, als Wachsoldat mit Bärenfellmütze, als „Beefeater“ – also ein Mitglied der Ordnungstruppe des Tower von London –, oder als Bewohner der schottischen Highlands gekleidet bestellt werden.

Bobbys Ankunft

Ich entschied, dass er in der blauen Uniform eines Bobbys ihrer Majestät der englischen Königin wahrscheinlich am besten aussehen würde. Außerdem spiegelte diese Uniform seine beiden Aufgaben genau richtig wider. Ein Bär in Uniform flößt neben seiner freundlichen Begrüßung auch genügend Respekt ein, um ein geeigneter Aufpasser zu sein. Seinen Namen hatte er natürlich auch schnell weg. Schlicht und einfach „Bobby“ sollte er heißen.

Bobby war natürlich schon bald eine Attraktion für große und kleine Kunden, für Fußgänger und natürlich auch für Autofahrer. Im ganzen Stadtviertel war sofort klar: Steht der blau uniformierte Teddybär auf der Straße, dann hat der Puppendoktor geöffnet. Schnell kamen auch die ersten Menschen und fotografierten sich mit ihm. Hätte es damals schon soziale Netzwerke mit Fotos gegeben, dann wäre Bobby bestimmt zu einer Attraktion der damaligen Bundeshauptstadt Bonn geworden.

Geschwister-Bären

Vor einiger Zeit blätterte ich in einer ­alten Ausgabe des Magazins ­PUPPEN & Spielzeug und fand darin ein Foto des mittlerweile geschlossenen Frankfurter Traditionsspielwarengeschäfts Behle. Und was stand da vor der Tür: Ein Bär wie Bobby. Da fiel mir wieder ein, dass Bobby ja mit Sicherheit Geschwister hat, die in der ganzen Welt verstreut sind – aber wie viele leisten wohl noch ihren Dienst als Türsteher?

Einen Bruder von Bobby fand ich beispielsweise in den Niederlanden. In Breda bewacht er das Spielwarengeschäft, das die Familie Hesemans dort seit 1870 am Houtmarkt betreibt. Die Hesemans haben ihren Bär extra für ein großes Event, einen Tag der offenen Tür, im Jahr 1992 angeschafft. Sofort war ihr „Doorman“ in der ganzen Stadt bekannt und bekam den Namen „Kees“. Auch er erhielt im Laufe der Jahre einige Ersatzuniformen, denn ursprünglich trug er die rote Uniform eines englischen „Guardsman“ mit Bärenfellmütze.

Dann war im Jahr 2000 die Idee geboren, Kees endlich richtig in die Niederlande einzubürgern und so erhielt er die Uniform der niederländischen Polizei, die die Familie Hesemans selbst geschneidert hat. Diese neue Bekleidung hat so viel Aufsehen erregt, dass zum 140-jährigen-Geschäftsjubiläum eine besondere Idee entstand: Es wurden 50 kleine Bären hergestellt, die die gleiche Uniform tragen wie Kees – sie sind sozusagen seine kleinen Aufpasserbrüder für zu Hause.

Bär sucht Bärin

Interessanterweise werden Teddybären wie Kees und Bobby mittlerweile als Sammlerstücke gehandelt. Sogar das weltbekannte Auktionshaus Christie´s hat schon mehrere von ihnen versteigert. Beim Blättern in den Auktionskatalogen machte ich einen erstaunlichen Fund. In den 1980er-Jahren waren nicht nur bekleidete Teddybären-Männer, sondern anscheinend auch eine Teddybär-Frau produziert worden: Eine Ballerina – mit Tiara gekrönt –, in ein rosafarbenes Tutu gekleidet und mit passenden Tanzschuhen ausgestattet. Somit besteht für alle Besitzer die Chance, ihrem einsamen Teddybärenwächter eine geeignete Begleitung zur Seite zu stellen.

Aber meine Recherchen haben mich in Europa noch weiter geführt: In eine kleine Stadt mit etwa 2.500 Einwohnern im Westen Englands. Hier in Ironbridge in Shropshire stellt seit 1930 die Firma Merrythought in ihrer Manufaktur große und kleine Teddybären her. Auch sie lässt ihren kleinen „Teddy Bear Shop“, in der Nähe der traditionsreichen Fabrikgebäude gelegen, natürlich von einem ihrer lebensgroßen Teddybären bewachen. Dieser wird immer wieder umgezogen, er trug sogar mal eine Shakespeare- oder Robin Hood-Tracht. Es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Kostüme ein Bär im Laufe der Jahre bekommen und tragen kann.

Bärenparade

Heute werden bei Merrythought wieder überlebensgroße Teddybären hergestellt, die allerdings rund 30 Zentimeter kleiner sind als ihre Vorläufer. Sie werden in mit einer Größe von 5 Fuß (1 Fuß entspricht etwa 30 Zentimeter) und nicht mehr in 6-Fuß-Größe wie in den 1980er-Jahre produziert. Im vergangenen Jahr gab es sogar eine Großbestellung eines amerikanischen Kunden und so zog eine richtige Bärenparade in roten Uniformen durch das kleine Städtchen in Shropshire. Bobby und Kees wären sicher gern dabei gewesen und hätten den Berufsanfängern von ihren Erfahrungen als Türsteher vor Spielzeuggeschäften berichtet und die neuen lebensgroßen Teddybären so auf ihre wichtige Aufgabe vorbereitet.

URL:
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TEXT
Thomas Dahl

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