„Meine Bären mache ich für die Seele!“

25 Jahre Zwergnase von Nicole Marschollek-Menzner

1. Februar, 2019 - Kategorie: Aktuell, Teddy- und Plüschtierwelten
„Meine Bären mache ich  für die Seele!“

Seit einem Vierteljahrhundert stellt die kleine aber feine Manufaktur Zwergnase im thüringischen Schalkau Künstler­bären und -puppen her. Mit Designerin Nicole Marschollek-Menzner sprach TEDDYS kreativ-Autor Thomas Dahl über ihre erfolgreichen Bären, die sich auf der ganzen Welt großer Beliebtheit erfreuen.

TEDDYS kreativ: Sie haben ein spannendes Zitat von Katharina von Siena zum 25-jährigen Jubiläum auf der Homepage stehen: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern das Durchhalten.“ Zwergnase hat jetzt 25 Jahre „durchgehalten“, was hat sich in dieser Zeit verändert?
Nicole Marschollek-Menzner: Eigentlich hat sich in dieser Zeit fast Alles verändert. Als wir angefangen haben, war der Künstlerpuppenmarkt in vollem Gange. Wir sind spät in diese Szene eingestiegen und haben als Firma von diesem Boom so gut wie nichts mehr mitbekommen. Bei den Bären sah das anders aus. Die Künstlerbären kamen ja etwas später, aber dennoch ist es von Jahr zu Jahr immer weniger geworden. Die Sammler sind mehr und mehr weggefallen. Große, ausländische Märkte sind durch politische Ereignisse wie den 11. September 2001 oder durch Katastrophen wie in Fukushima in den vergangenen Jahren weggebrochen. Viele verschiedene Einflüsse haben also dazu geführt, dass insgesamt weniger gesammelt wird. Einige Unternehmen sind von Deutschland nach China gegangen, weil zum Beispiel die Gewinnspanne nicht mehr gestimmt hat. Deshalb sind wir mittlerweile einer der Wenigen, die noch in Deutschland herstellen. Es sind also große Veränderungen, die die letzten 25 Jahre prägen. Als viele Mitbewerber nach Fernost gegangen sind, hieß es, wir sollten darüber froh sein, denn dadurch hätten wir weniger Konkurrenz. Aber das sehe ich ganz anders, denn Konkurrenz belebt das Geschäft. Da wir aber anscheinend bewusstere Sammler haben und wesentlich kleinere Stückzahlen herstellen, haben uns die Veränderungen des Markts insgesamt nicht so stark getroffen.

Ausgehend von dieser „Markt­analyse“: Was hat sich in den letzten 25 Jahren in Bezug auf Ihre Arbeit verändert?
Ich entwickle mich immer wieder weiter, sodass es mir heute schwerfällt, mich mit meinen ersten Bären zu identifizieren. Trotz meines Ansporns, immer Neues zu machen, ist es mir wichtig, dass man immer den roten Faden erkennen kann. Deshalb haben meine Bären einen Wiedererkennungswert und meine Experimente folgen einer Philosophie und bleiben deshalb in einem gewissen Rahmen. Dennoch mache ich Sachen, die meine Sammler zuerst verwundern, wie meine Arbeiten aus Filz oder seit zwei Jahren aus Papiermaschee. Interessanterweise setzen sich diese durch und ich hole meine Sammler nach der ersten Überraschung und Zurückhaltung doch wieder mit „ins Boot“. Daran merkt man, dass ich nicht versuche, ein gut laufendes Produkt immer wieder zu bedienen. Da ich stets an meine Sammler denke, lasse ich mir auch regelmäßig was Neues einfallen. Das schlimmste für mich wäre, wenn diese sagen: „Ach, sie hat keine Ideen mehr!“ Das ist für mich Ansporn und Triebfeder. Um auf das Zitat zurückzukommen: „Durchhalten heißt: Weiterentwickeln!“ Diese Entwicklung darf nie zum Stillstand kommen.

Haben Sie es in den 25 Jahren bereut, sich mit der Firma „Zwergnase“ selbständig gemacht zu haben?
Manchmal schon. Trotz finanzieller Schwierigkeiten und Bedenken, die man als selbständiger Unternehmer und Künstler hat, ist es doch ein großer Luxus, dass ich zur Arbeit gehen kann und das mache, was mir Spaß macht. Natürlich gibt es auch Zeiten, in denen einen Zukunftssorgen umtreiben, da wir ja nicht nur für uns, sondern auch für die Familien unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortung tragen. Aber im Großen und Ganzen haben wir diesen Schritt, eine eigene Firma zu gründen, nie bereut.

Seit Anfang an setzt Zwergnase auf „Made in Germany“ und Regionalität. Ist das Teil Ihres Erfolgs?
Das weiß ich nicht. Aber es war von Anfang an unser Anspruch, in Deutschland herzustellen. Wir waren uns immer einig: Wenn wir gezwungen sind, die Produktion aus Deutschland auszulagern, dann hören wir auf. Darüber gab es für uns nie ein Nachdenken. Ich denke aber auch, unsere Qualität spricht dafür. Wir sind ganz stolz darauf, dass wir fast nie Reklamationen haben. Wir bekommen ausschließlich positives Feedback für unsere Bären und Puppen. Das freut uns sehr.

Sie haben mal geschrieben, Ihre ­Bären hätten die Aufgabe, „nicht ernst genommen zu werden.“ Ist das immer noch so oder sind neue Aufgaben dazugekommen?
Das ist natürlich noch so. Die Bären mache ich für die Seele! Einmal am Tag soll man Lächeln, und das soll man am besten machen, wenn man meine Bären betrachtet.

In den vergangenen Jahren sind Sie immer experimentierfreudiger bei der Verwendung verschiedenster Materialien geworden. Was ist der Hintergrund? Wie entscheiden Sie, welches Material Sie für einen Bär verwenden, um Ihre Idee zu realisieren?
Bei mir ist immer zuerst die Idee zu einem Bär da. Dann suche ich den passenden Mohair aus, mit dem ich das umsetzen will. Meine Bären sind sehr ausdrucksstark und haben viel Charakter. Deshalb nutze ich in den letzten Jahren ausschließlich kurzflorige Felle, denn damit kann ich viel mehr machen. Nur so kann ich einem Bären beispielsweise eine Perücke aufsetzen. Gerade bei meinen Unikaten arbeite ich in Themenwelten. Hier suche ich mir ein geeignetes Material, mit dem ich dann die Idee der Serie gut umsetzen kann.

Die Materialien sind bei mir aber auch abhängig von den Jahreszeiten, in denen die Bären entstehen. Wolle, Cashmere, Fell, Samt oder aber auch glitzernde Glassteine nutze ich gern im Herbst und Winter. Jeansstoffe nutze ich gern im Sommer, verwende aber auch leichte Stoffe und Blumen. Meine auf sieben Stück limitierten Serienbären haben zumeist ein Thema, das man auch sehr gut an den verwendeten Materialien ablesen kann. Momentan arbeite ich beispielsweise auch an einem Osterhasen, der an seinem Fahrrad steht und damit ein Ei transportiert. Ich habe einfach eine Idee im Kopf und versuche dann, sie mit meinem Können und den mir zur Verfügung stehenden Materialien umzusetzen.

Ihre Bären sind als Zufall entstanden, eigentlich als Accessoire zu einer Puppe. Wenn Sie auf die 25 Jahre zurückblicken, wie haben sich die Bären entwickelt und wohin?
Meine Unikate sind der Höhepunkt dieser Entwicklung. Bei ihnen kann ich mich austoben. Ich kann einzelne tolle Accessoires nutzen, die mir in die Hände fallen. Ich muss mir nicht die Frage stellen, kann ich diesen Knopf, diesen Stoff oder diese Handtasche nochmal besorgen – nein, ich kann sie einfach nutzen für meinen kreativen Prozess. Wenn ich die Unikate präsentiere fragen mich Sammler oft, ob ich mich wirklich davon trennen könne. Und ich kann ganz offen und freudig sagen: „Ja, das kann ich!“

Und warum können Sie sich dann von diesem Einzelstück, das Sie mit viel Liebe erschaffen haben, trennen?
Weil ich immer wieder was Neues machen muss. Ich mache einen Bären und dann bin ich ganz begeistert von ihm – aber dann stelle ich fest: Ich habe schon wieder eine neue Idee und stelle mir eine neue Aufgabe, die ich umsetzen will. Deshalb habe ich gar keine Zeit, einem Bären hinterher zu trauern.

Was fasziniert Sie derzeit am meisten?
Nachdem ich lange auch mit Filz experimentiert habe, erinnerte ich mich des Materials Papiermaschee. Es wurde ja in unserer Region erfunden und war einer der ersten Werkstoffe serieller Puppenproduktion. Noch vor dem Porzellan. Es hat hier also eine lange Tradition. Da ich mich auch immer mit den Wurzeln meines Berufs beschäftigt habe, empfinde ich es als meine Aufgabe als eine der letzten, die hier noch arbeitet, diese zu nutzen. Ich kombiniere es aber auch bei meinen Bären, die dann einen Kopf aus Papiermaschee bekommen. Seit zwei Jahren experimentiere ich mit dieser widersprüchlichen Kombination eines flauschigen, weichen Körpers und eines glatten Kopfs. Aber es funktioniert und war eine große Herausforderung, hier eine gute Verbindung zu schaffen, da gerade bei den Bären Kopf und Körper zusammengehören.

Was Ihre Arbeit auszeichnet, sind sicherlich aber auch Ihre Kunstwerke, die Sie aus Bären erschaffen haben. Wie beeinflusst Sie Kunst und wie viel Kunst ist in Ihrer Arbeit?
Dass ich ein großer Beuys-Fan bin, kann man vielleicht an meinen Filzpuppen erkennen. Wenn ich einen Bär oder eine Puppe schaffe, dann ist mir immer wichtig, dass das Objekt in sich abgeschlossen ist. Es kann für sich stehen und ist somit auch Kunst. Es wirkt für sich selbst und braucht nichts dazu.

Was zeichnet Ihre Kollektion 2019 als Jubiläumskollektion aus?
Die Kollektion spiegelt meine Entwicklung wider. So habe ich in den 25 Jahren meiner Arbeit an Bären beispielsweise eine Sechsfach-Gliederung entwickelt. Und ich denke, diese Weiterentwicklung meiner Arbeit ist spürbar und wird von der Kollektion zum Ausdruck gebracht. Deshalb muss ich heute viel mehr Arbeitszeit in die Fertigstellung eines Bären investieren als noch vor zehn Jahren, aber ich denke, diesen Aufwand kann man auch sehen. 

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