Wie Teddys den Fortbestand von Käthe Kruse sicherten

Bärige Rettungsanker

14. Dezember, 2017 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Wie Teddys den Fortbestand von Käthe Kruse sicherten

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es Käthe Kruse nach einigen Versuchen endlich gelungen mit ihrem Betrieb im schwäbischen Donauwörth wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. In dieser Zeit versucht sie, an ihre bisherigen Erfolge anzuknüpfen. Deshalb produziert sie wie gewohnt ihre Puppen mit dem charakteristisch bemalten Stoffkopf weiter. Doch schon bald sollten Bären und Tiere dazukommen.

Bereits zu Beginn der 1950er-Jahre wird deutlich, dass das kleine Familienunternehmen neue Produkte benötigt, wenn es im Wirtschaftswunderland weiter erfolgreich bleiben will. Gleichzeitig weiß Käthe Kruse, dass sie ihre Manufaktur an die Kinder übergeben muss. Um in der neuen Zeit mit ihren neuen Werkstoffen erfolgreich zu sein, entwickelt vor allem Tochter Hanne Kruse eine Reihe neuer Modelle, die insbesondere auf der Nutzung von Kunststoff für die Puppenköpfe und Schaumstoff für die Körper beruhen. Auch in den VEB-Werkstätten, die in Bad ­Kösen an der Saale weiter in krusescher Manier Puppen herstellen, nutzt man Köpfe aus einem eigens entwickelten Kunststoff. Mitte der 1960er-Jahre bietet man dort aber neben Puppen und Schaufensterfiguren bereits die ersten Knuddeltiere aus Plüsch an.

Knowhow-Transfer

Im Westen nutzen Hanne Kruse und ihr Mann Heinz Adler-Kruse die Erfahrungen, die sie mit den Puppenkörpern aus Schaumstoff gesammelt haben. Hanne Kruse hat die Idee, eine kleine Puppe fürs Baby mit einem formgeschäumten Körper herzustellen, die mit einer Hülle aus Frottee überzogen ist. Dieses Frotteebaby erhält ein handgemaltes Gesicht und ist direkt bei der ersten Messepräsentation ein voller Erfolg. Ein Produkt für Kleinstkinder war entwickelt und gleichzeitig Ausgangspunkt für eine gesamte Kollektion nicht nur aus Puppen. Mit Hilfe der gleichen Technik wurden auch Kuscheltiere und Bälle in unterschiedlichen Farben erfolgreich entwickelt und hergestellt.

Vermutlich angeregt durch die Plüschgesellen aus VEB-Produktion ergänzt Hanne Kruse die Palette weicher Kuscheltiere für Klein- und Kleinstkinder. Sie schreibt dazu in ihrer Biographie im Jahr 1968: „Das Jahr war so träge, und immer wieder blieb ich hängen. Dann machte ich mich ‚selbständig‘ und entwickelte Dinge, ‚zu denen ich niemanden brauche‘. Und mit einem Mal war so viel entstanden, daß damit ein ganzes neues Programm aufgebaut war, und es ist überzeugend. Bälle und Tiere in Plüsch und Frottee. Auch wenn sie nicht so wahnsinnig originell sind, Plüschtiere gibt es viele, so sind sie doch lieb und entsprechen der Linie. […] Das bedeutet nicht nur ‚neue Artikel‘ und, so Gott will, Erfolg und mehr Stabilität im Betrieb, sondern auch, daß wir uns mehr den eigenen Dingen zuwenden können [….] So werden wir auf die diesjährige Messe gehen, gewissermaßen ganz ‚neu‘ und ‚aufregend‘.“

Durchgestartet

Hanne Kruse ahnt bereits, dass ihr etwas Besonderes gelungen ist. Im Jahr 1957 hatte nämlich die bekannte Spielzeugfirma „Schildkröt AG“ aus Mannheim-Neckarau in das krusesche Unternehmen investiert. 70 Prozent der Firmenanteile hatte die Familie verkaufen müssen, um in schwierigen Zeiten überleben zu können und ausreichend Kapital für die notwendigen Neuentwicklungen zu erhalten. Mit diesen Produkterfolgen aus Frottee und Plüsch konnte die Familie nach und nach die Anteile zurückkaufen, sodass die Manufaktur Käthe Kruses im Jahr 1976 wieder vollständig im Besitz der Familie ist.

Wie stolz man auf die eigenen Entwicklungen ist, zeigt eine selbstbewusste Anzeige, mit der die Firma bereits Anfang der 1970er-Jahre für die neue Produktpalette wirbt: „Käthe Kruse Puppen sind in aller Welt bekannt und beliebt. Unsere weiteren großen Erfolge: Tiere und Bälle aus Plüsch und Frottee mit formgeschäumten Innenteilen, weich, anschmiegsam und voll waschbar, – das ideale Spielzeug für die Kleinen und Kleinsten.“ Das Spielzeug aus Plüsch und Frottee ist zusammen mit den Puppenentwicklungen Hanne Kruses wie dem „Däumlinchen“ Grundlage für diesen Erfolg, den Mutter Käthe leider nicht mehr erleben kann, da sie bereits am 19. Juli 1968 verstorben ist.

Nicht so originell

Aber auch wenn Hanne Kruse ihre Plüschtiere und -bären selbst als „nicht so originell“ bezeichnet, kann man deutlich erkennen, dass bei ihrer Entwicklung eine erfahrene Puppendesignerin am Werk gewesen ist. Meint sie damit eigentlich bescheiden, dass ihre Plüschfiguren nicht so der Natur nachgebildet sind, wie beispielsweise diejenigen der Giengener Firma Steiff. Ähnlich wie bei der Puppenproduktion kreiert sie eher schlichte Plüschgesellen, die jedoch durch ihren raffinierten Zuschnitt und wohl überlegte Füllung einen hohen Spielwert haben.

Hier folgt Hanne Kruse den ­Designerinnen wie Renate Müller und ­Helene ­Haeusler, Dozentinnen an der ­Sonneberger Fachschule für angewandte Kunst. Bei deren Entwürfen soll die schlichte Silhouette des Spielobjekts eher die Fantasie des Kindes ansprechen und fördern als eine detailgetreue, naturalistische Nachformung sein. Mit ihren Entwürfen kann Hanne den Grundsätzen ihrer Mutter treu bleiben. Diese hatte sich beispielsweise auch über die Glasaugen der Puppen ihrer Zeit beschwert und deshalb immer gemalte Augen verwendet. Auch war der Gesichtsausdruck ihrer Puppen immer eher zurückhaltend und sollte so dem Kind Raum für spielerische Interpretation geben.

In dieser Tradition erfindet Hanne ihre Schlenkertiere und nutzt beispielsweise Holzknöpfe in verschiedenen Farben als Augen und farbiges Nähgarn zu deren Befestigung, die dann die Iris bilden. Für die Körper lässt sie sich vom Wahlspruch ihrer Mutter „Gefühl kommt von Anfühlen“ inspirieren und entwickelt eine eigene Technik: „Sehr lebendig wirken unsere Tiere, Hund und Katze. Jedes dieser Tiere hat ein Innenfutter, das mit einem Schaumkopf und Plastikkörnern gefüllt ist. Durch Verteilen dieser Körner in Körper und Beinen können Sie es in viele liegende und sitzende Stellungen bringen. Und nicht nur die Kleinen werden Freude daran haben.”

Fester Bestandteil

Die Knuddeltiere und Bären gehören bis Ende der 1970er-Jahre zum elementaren Bestandteil der kruseschen Produktpalette: Es gibt Elefanten, Katzen und Hunde, Hasen, Esel und natürlich verschiedene Teddybären. Danach scheinen sie vor allem durch günstige Importspielzeuge aus Fernost vom Markt verdrängt worden zu sein. Fast 20 Jahre später entschließt sich die Firma unter neuer Leitung von Andrea-Kathrin Christenson und ihrem Mann ein ganz neues Programm für Klein- und Kleinstkinder vor allem aus Frottee aufzulegen. Es entstehen Schmuse­tücher, Spieluhren und vieles mehr, die bis heute zum elementaren Bestandteil des Produktionsprogramms der Traditionsmanufaktur Käthe Kruse gehören.

In diesen Jahren entschließt man sich 1999 auch die Plüschtiere in „alter“ Manier wieder aufzulegen, aber der Geschmack der Zeit hat sich geändert und diesmal sind Hanne Kruses schmusige Entwürfe kein Erfolg, sie bleiben jedoch ein spannendes Beispiel dafür, dass auch Puppendesigner erfolgreich Spielzeug aus Plüsch entwerfen können. Der Dank des Autors für die Unterstützung bei der Recherche gilt Tanja Rühl, Marion Hohmann (Käthe Kruse GmbH) und Dr. Urs Latus (Spielzeugmuseum Nürnberg).

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