Ein Spaß für Erwachsene im frühen 20. Jahrhundert

Tanzende Teddybären

19. Juni, 2019 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Ein Spaß für Erwachsene im frühen 20. Jahrhundert

Hier versuchen sich zwei Schauspieler am gewagten Teddybear-Tanz: Der Name des Manns scheint nach mehr als hundert Jahren vergessen, aber die Operettensängerin Wini Grabitz wurde später zu einer verehrten, berühmten Stummfilmdarstellerin unter anderem in den Horrordramen Verlorene Seelen (1919), Die Nacht der Toten (1921) und Schatten aus dem Totenreich (1921). Ihr Name und ihr Werk sind noch heute bekannt.

Diese Postkarte aus dem Jahr 1913 zeigt eine vergnügliche Pose mit Teddybär-Bezug – den Teddybear-Tanz. Stellte man sich so tanzende Teddybären vor? Getanzte Lebensfreude, die in Sport ausartet? Für die „Gute Alte Zeit“, die Kaiserzeit vor dem ersten großen Krieg, war das eine unerhörte Pose. Der Rock könnte zurückrutschen und mindestens die Beine der Dame sichtbar machen. Die Frage, ob es sich um einen Gesellschaftstanz oder „nur“ um eine Darstellung auf der Bühne handelt, findet den einzigen Hinweis im auf die Vorderseite gedruckten Titel „Filmzauber“. Vielleicht wurde der Tanz nur ein einziges Mal getanzt: Für einen heute vergessenen Film – aber auch für die sicherlich nicht nur einmal verkaufte Postkarte.

Tanz-Geschichte

Nun also ein bäriger Tanz für Erwachsene. Er entstand um 1910 in der ersten großen Modezeit des Teddybären, lange bevor 1955 der Rock ’n’ Roll ähnliche Tanzfiguren erfunden hat, und auch noch vor dem um 1920 entstandenen Swing, aus dem sich in den USA der Tanz Lindy Hop entwickelte, der erstmals akrobatische Elemente in einen Paartanz einfließen ließ.

Interessant ist an dieser Postkarte die Schreibweise des Titels: „Teddybear Tanz“, wirft er doch ein Licht auf die Frühgeschichte unseres Teddybären. Nach der Steiffschen Erfindung eines gegliederten, puppenartigen Plüschbären im Jahr 1902 mutierte in Amerika der präsidiale Kosename von Theodore Roosevelt zur Warenbezeichnung für dieses Schmusewesen. Zunächst nur als „Teddy´s Bear“, im Sinne von „dieser Bär gehört Teddy“, wird der Begriff ab 1906 für das Erfolgsprodukt fester Bestandteil der kollektiven Alltagssprache der teddyverrückten Amerikaner. Im Laufe der nächsten Jahre wird der Begriff in einem Wort zusammengefasst: „Teddy Bear“, dann „Teddybear“. Bis dieser Begriff aber in Deutschland akzeptiert wurde und dann auch noch als deutsche Übersetzung „Teddybär“ verwendet wurde, dauerte es wieder einige Jahre.

Zugeständnis

Die Firma Steiff wehrte sich lange gegen die Anwendung des als zu populistisch empfundenen Namens „Teddy“. In Deutschland war Teddy als Name ungebräuchlich, Niemandem bedeutete er etwas, es gab keine Verbindung zu seinem in den USA überaus beliebten Träger. Dass er schließlich doch eingeführt wurde, war Steiffs Zugeständnis an den amerikanischen Markt, dem Hauptabsatzgebiet der Bären. Werbeanzeigen der Firma erhielten ab 1912 den Zusatz: „Erfinder und Fabrikanten des weltberühmten ‚Teddy‘-Bären“, Teddy wie ein Zitat in Anführungszeichen, der Begriff mit einem Bindestrich geschrieben. Die Rechtschreibung ist noch im Fluss, nichts ist festgeschrieben. Man findet gelegentlich auch die quasi aus dem Englischen übersetzte, eingedeutschte Schreibweise „Teddibär“ mit einem I statt des Ypsilons. Und so verwundert es nicht, dass auf der Postkarte von 1913 auch noch das englische Wort verwendet wird, allerdings zusammen mit dem deutschen Wort „Tanz“. Die erste Eintragung des heute gebräuchlichen Wortes „Teddybär“ in deutsche Nachschlagewerke erfolgte erst etwa 1938.

Teddybären scheinen in den Jahren des amerikanischen TeddyBearCraze um 1907 sehr gerne getanzt zu haben, und ihre menschlichen Verehrer taten es ihnen gleich, denn es gibt etwa 400 urheberrechtlich geschützte Kompositionen zum Thema Teddy aus dieser Zeit. Das ist ein außerordentlicher Vorgang. Kein anderes Produkt, das die Menschheit erfunden hat, ist in so kurzer Zeit so viel besungen worden, nicht einmal der Weihnachtsmann. Notenblätter für Tanzorchester mit Teddybären auf dem Titel – wohl bemerkt für Erwachsene – hat es zahlreiche in USA gegeben. Auf den hier ausgewählten präsentieren sich die Teddys als begabte Tänzer. Und das bemerkenswerteste ist, dass sie ganz auf menschliche Begleiter verzichten. Der Teddybär ist eine eigenständige Spezies geworden, er ist sich selbst genug und nicht nur Staffage für Menschen.

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