Wer bin ich?

Wir erklären, wie alt Ihr Teddy ist

5. Dezember, 2012 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Wer bin ich?

Ich besitze schon lange diesen alten Bären. Er ist mit Holzwolle gestopft und schon ziemlich abgeliebt. Die Fußsohlen sind an vielen Stellen bereits durch. Vielleicht können Sie mir etwas über sein Alter und über die Herkunft verraten.

Irene Holzaepfel

Sehr geehrte Frau Holzaepfel. Vielen Dank für Ihre Anfrage und die aussage­kräftigen Bilder. Ihr Teddy stammt aus einer der vielen Thüringer Produk­tions­stätten – sehr wahrscheinlich aus einem Volkseigenen Betrieb in der Nähe von Sonneberg. Der Fertigungszeitpunkt kann anhand bestimmter baulicher Merkmale und vor allem durch das verwendete Material in die Zeit um 1955 datiert werden. Teddybären dieser Art sind ohne originales Warenzeichen keinem bestimmten Herstellerbetrieb zuzuordnen. Sie wurden von sämtlichen Volkseigenen Betrieben in nahezu identi­scher Bauart hergestellt. Abgesehen davon sind bei diesen Typen ohnehin nur sehr selten originale Warenzeichen erhalten.

Möglichkeiten

Bekannte volkseigene Betriebe sind VEB Gehren, VEB Plüti und VEB Sonni. Neben diesen gab es noch weitere Produktionsstätten, die als PGH, also Produktionsgenossenschaften des Handels, fungierten. Von allen diesen Betrieben sind Teddybären mit originalen Warenzeichen bekannt. Dabei sind die Designs und verwendeten Materialien immer wieder deckungsgleich, sodass eine exakte Zuordnung unmöglich ist. Dies gilt aber nicht nur für den hier vorgestellten Teddybären, sondern auch für viele weitere Modelle.

Neben der Zuordnung über das Material kann man aber noch einige weiterführende Aussagen über die jeweiligen Bären machen, zum Beispiel über deren Verwendungszweck. So wurden, wie bei nahezu allen Teddymanufakturen, auch in den volkseigenen Betrieben der ehemaligen DDR verschiedene Qualitäten an Bären und Plüschtieren gefertigt. Zunächst gibt es deutliche Unterschiede bei der Qualität der verwendeten Kunstseidenplüsche. Diese lassen nicht nur verschieden Datierungen in die Zeit vor oder nach 1950 zu, sondern geben Aufschluss darüber, in welcher Qualitätsstufe und zu welchem Zweck ein Teddybär gefertigt wurde. In diesem Fall handelt es sich um einen recht einfachen Kunstseidenplüsch, der zu den preiswerten Materialien gehört und damit den ursprünglichen Verkaufspreis niedrig hält.

Designfrage

Auch das Design ist ein Merkmal für eine Qualitätsstufe, so ist alleine die Anbringung der Arme und Beine schon ein weiterer Hinweis auf die recht einfache Ausführung dieses Bären. Sie sind nicht aufwändig angescheibt, sondern einfach mit Drähten am Körper angebracht. Darüber hinaus ist auch die Ausführung der Nasen­garnierung ein weiteres Indiz, da sie bei diesem recht großen Bären horizontal verläuft und nicht, wie bei Produkten namhafter Firmen, vertikal. Trotz seiner einfachen Qualität handelt es sich bei Ihrem ­Teddy um ein interessantes und ausdrucksstarkes Stück aus der frühen Fertigung Volkseigener Betriebe in der ehemaligen DDR.

Ich bin interessiert, etwas über das Alter und die Herkunft meines Teddys zu erfahren. Der Bär ist zirka 30 Zentimeter groß und hat einen blanken Knopf im Ohr.

Klaus Herbst

Sehr geehrter Herr Herbst. Vielen Dank für Ihre Anfrage. Der Teddy, den Sie hier vorstellen, stammt von Steiff, obwohl ein entsprechender Schriftzug auf dem erhaltenen Knopf fehlt. Der sogenannte blanke Knopf wurde bereits um 1904/05 kurzzeitig von dem Giengener Unternehmen als einer der ersten Knöpfe überhaupt benutzt. Allerdings war er zu dieser frühen Zeit kleiner als der, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kam.

Knopfsache

An Ihrem Bären wurde der Knopf in der Zeit um 1948 angebracht. Ursprünglich diente er dazu, ein kleines Zettelchen, die sogenannte Ohrfahne, zu befestigen. Letztere bestand zu dieser Zeit aus Papier und ist nur sehr selten im Original erhalten. Unter anderem ist auf dieser Fahne die Artikelnummer des Bären aufgedruckt, in diesem Fall wäre es die Nummer 5630,2. Dabei steht die 5 für die Beschaffenheit, in diesem Fall gegliedert, die 6 steht für das Material Kunstseidenplüsch, die 30 für die Größe und die 2 nach dem Komma beschreibt die weitere Ausstattung, in diesem Fall eine Druckstimme. Das Fell des Bären besteht damit aus einem für diese Zeit typischen Ersatzmaterial. Teddybären und Tiere aus diesem Ersatzplüsch wurden schon in der Zeit nach 1940 in größeren Mengen hergestellt, allerdings ist er zu dieser Zeit noch kürzer im Flor.

Langhaar

Erst ab 1947/48 kam der etwas längere Kunstseidenplüsch zum Einsatz und blieb bis 1950 eines der Hauptmaterialien in der Plüschtierfertigung von Steiff. Erst ab 1949 konnte die Produktion mit qualitativ hochwertigem Mohairplüsch langsam wieder aufgenommen werden, nachdem der natürliche Rohstoff ab 1940 kriegsbedingt kaum noch zu bekommen war. Die Belege in der Literatur sind für die Fertigungszeit 1940 bis 1948 nicht ganz komplett, da bebilderte Kataloge fehlen beziehungsweise gar nicht erst in Umlauf gebracht wurden. Historische Preislisten und Kataloge aus der direkten Krisenzeit 1940 bis 1947 sind sehr selten. Und auch Nachdrucke der Spielzeugkataloge von Steiff beginnen erst mit dem Jahreshauptkatalog 1949/50.

Auf den vorhandenen Preislisten sind zu den jeweiligen Tieren und Bären zwar die Artikelnummern aufgeführt. Es finden sich jedoch keine Abbildungen oder gar Fotos, die auf ein genaues Aussehen der zu diesem Zeitpunkt produzierten Steifftiere schließen lassen. Somit ist nicht ganz genau zu sagen, ab wann der längerflorige Kunstseidenplüsch zum Einsatz kam. Steiff-Spezialisten gehen davon aus, dass der Übergang der ­beiden Ersatzmaterialien im Jahr 1947 erfolgt sein muss. Kurz nach diesem Wendepunkt waren auch wieder Glasaugen zu bekommen; zuvor wurden Restbestände an Schuhknopfaugen verwendet. Da der hier vorgestellte Teddy schon Glasaugen besitzt, sollte er aus der Fertigungszeit 1948/49 stammen.

Vielfalt

Zu dieser Zeit wurden von diesem ­Modell fünf verschiedene Größen angeboten. Der kleinste Teddy aus Kunstseidenplüsch misst 25 Zentimeter, dann folgt die hier vorgestellte Ausführung mit 30 Zentimeter. Von dieser Größe wurden nach Recherchen von Jürgen Cieslik alleine im Jahr 1948 über 22.000 Stück hergestellt. Die exakte Katalogbeschreibung lautet „Teddy, gegliedert, blond, Doppel-Druckstimme, Artikelnummer 5630,2“. Neben den beiden beschriebenen ­Größen wurden diese Bären noch in den Ausführungen 35, 43 und 50 Zentimeter angeboten.

Teddybären aus Kunstseidenplüsch gehören noch immer zu den Stiefkindern des großen historischen Steiff-Sortiments und werden bei Sammlern selten nachgefragt. Ein Grund liegt im Material selber. Es wirkt schneller abgegriffen als Mohairplüsch. Schon nach geringer Beanspruchung geht der ursprüngliche seidige Glanz des Fells verloren. Dennoch sollte auch der historische Hintergrund nicht vergessen werden. Es handelt sich bei diesen Teddybären um die ersten Produkte, die den deutschen Kindern nach langer Kriegszeit zur Verfügung gestellt werden konnten. Und da sollten ein paar fehlende oder nicht mehr leuchtend glänzende Haare doch gerne toleriert werden.

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