Teddys unter der Lupe

Der erste Steiff-Bär

4. Februar, 2011 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Teddys unter der Lupe

Die Firma Steiff hat schon vor der Erfindung des Teddybären durch Richard Steiff im Jahr 1902 Bären hergestellt. Diese finden sich im ersten bekannten Katalog der „Filz-Spielwaaren-Fabrik“ von Margarete Steiff aus dem Jahr 1892. Erwähnt werden dort erstmalig in der Firmengeschichte „Bären, weichgestoppt, für kleine Kinder“.

Bei diesen Ausführungen handelte es sich um einfache, auf allen Vieren stehende Modelle, die als Artikel 117 (12 Zentimeter Höhe) und Artikel 118 (20 Zentimeter Höhe) angeboten wurden. Erhältlich aus Plüsch (Kurzplüsch) und in den Farben weiß, grau, braun und schwarz. Die Bezeichnung Kurzplüsch wird erst mit der Einführung des Mohairplüschs verwendet, zuvor wurden alle aus diesem Material gefertigten Steiff-Produkte als Plüsch beschrieben.

Anfänge

Den meisten Sammlern ist die kurzflorige und recht raue Plüschart der ersten Räderbären bekannt. Neben diesen einfachen Vierfüßern ist im Katalog 1892 als Nummer 58 noch ein Kegelspiel mit Bären aufgeführt, jedoch nicht näher beschrieben. Obwohl es unter dem Oberbegriff „Filztiere als Kegelspiele“ erscheint, handelt es sich auch hier um eine Version aus Kurzplüsch, was aus dem Folgekatalog von 1894 hervorgeht: „Kegelspiele, Bären (ähnlich Abb. No. 658)“. Bei dieser Nummer handelt es sich um den neu aufgenommenen Artikel „Stehauf No.658“ – einen, auf einer runden Holzhalbkugel stehenden Bären. Erstmals in der Geschichte der Firma von Margarete Steiff wird ein Bär als Spielzeug in einem Katalog auch abgebildet.

Vielen Sammlern ist dieser Stehaufbär als Replik einer so genannten „Museums-Kollektion“ aus den Jahren 1984 bis 1987 bekannt. Das als „Replika 1894“ bezeichnete unterscheidet sich allerdings deutlich von dem im Katalog 1894 abgebildeten Modell. Der Grund dafür: Das firmeninterne Archivmodell stammt nicht aus diesem ersten Produktionsjahr, sondern aus einer späteren, nicht weiter bestimmbaren Serie, an der schon einige Veränderungen vorgenommen worden waren.

Detaillösungen

Das ursprünglich abgebildete Modell hat eine wesentlich größere Holzhalbkugel und viel spitzere Ohren. Beides ist auf der Katalogzeichnung deutlich zu erkennen. Die Holzhalbkugel der ursprünglichen Ausführung ist allerdings nicht für die eigentliche Bestimmung des Spielzeugs geeignet, trotz eines eingelassenen Metallkerns bleiben die Stehaufe seitlich liegen, wenn sie zu stark gekippt werden. Man kann also heute davon ausgehen, dass diese Halbkugeln schon nach kürzester Produktionszeit geändert wurden, und zwar in die Version, wie sie aus allen weiteren Abbildungen und originalen Sammlerstücken bekannt ist. Die Kugel wird flacher und durch den steileren Randwinkel erfolgt ein müheloses Aufrichten der Figuren. Zusätzlich wurde an der Oberseite eine Nut eingefräst. Dadurch wird das Gesamtgewicht optimiert und weiter nach unten verlagert. Das hier abgebildete Exemplar eines Stehaufbären zeigt jedoch noch exakt alle Eigenschaften, die schon in der ersten Katalogabbildung zu finden sind.

Dazu gehören auch die für Bären untypisch spitz aufgerichteten Ohren, für die es schlicht keine Erklärung gibt. Fest steht nur, dass alle späteren Modelle, auch das aus dem Archiv stammende Exemplar, mit runderen Ohren hergestellt wurden, wie es ja auch das natürliche Vorbild vorgibt. Alleine durch die spitzen Ohren und den verwendeten Kurzplüsch wirkt dieser erste Bär ein wenig wie eine Mischung aus einem Wildschwein und einem Bären.

Wie viele andere Tiermodelle sind die ersten Steifftiere eben noch nicht so ausgeprägt und detailliert dargestellt, wie sie es bald werden sollten. Doch es gibt auch bei diesem sehr frühen Bären bereits einige Details, die viel später auch noch bei den ersten Teddybären zu finden sind. Stehauf-Bär 658 hat vier Krallen an den Füßen. Eine Eigenschaft, die Teddybären und Bären der Firma Steiff bis auf sehr wenige Ausnahmen bis heute begleitet. Zusätzlich findet sich unter der aus einem kleinen Schuhknopf bestehenden Nase eine Art Mundgarnierung aus doppeltem Faden, wie er noch in der Zeit um 1902 bis 1904 bei Bären und Tieren mit Siegellacknasen verwendet wurde.

Ansichtssache

Die Augen – ebenfalls kleine Schuhknöpfe – wurden mit rotem Filz unterlegt, um sie besser abzusetzen. Diese Technik ist noch von den als „Titanic-Trauerbären“ bezeichneten, schwarzen Teddybären der Zeit um 1912, aber auch von unzähligen weiteren Steiff-Produkten aus der Zeit vor 1920 bekannt.

Eine weitere Übereinstimmung mit der ersten Katalogabbildung von 1894 gibt es noch. Der ursprünglich vorgegebene Verkaufspreis von 1,60 Mark wurde mit spitzem Bleistift auf der Oberseite der Holzhalbkugel notiert und ist noch schwach zu erkennen. Weiterhin wurde der Holzstab, an dem der Bär zu tanzen scheint, ab etwa 1898 in einer vereinfachten, glatten Ausführung hergestellt. Die ursprüngliche Version verfügt über gedrechselte Elemente und die Kette, die von der Nase des Bären zum Stab reicht, ist nur bei den älteren Ausführungen um den Stab gelegt. Bei den späteren Modellen wurde die Kette in das Holz des Stabs eingelassen.

Ungenauigkeiten

Da die historischen Unterlagen zu den Bären und Tieren der ersten Produktionsjahre bis 1903 nur schwerlich zu finden sind, ist es nicht immer ganz einfach, Steiff-Tiere aus dieser Zeit auch eindeutig zuzuordnen. Man darf dabei nämlich nicht vergessen, dass es bereits in der Zeit vor der Jahrhundertwende viele Nachahmer und Neider gab, die die erfolgreichen Erzeugnisse von Margarete Steiff kopierten. Man kann davon ausgehen, dass etwa 50 Prozent der heute als früheste Artikel der Firma Steiff beschriebenen Tiere und Bären nicht wirklich in Giengen an der Brenz das Licht der Welt erblickt haben.

Weiterhin werden unglücklicherweise alle möglichen Steiff-Produkte bei Zuordnungen ausschließlich mit dem ersten Herstellungsjahr benannt, was nicht ganz korrekt ist. Wahrheitsgemäß sollte viel öfter die entsprechende Produktionsspanne beschrieben werden.

Umso schöner ist es doch, dass hier tatsächlich einmal für ein einzelnes Stück ein exaktes Produktionsjahr und das noch aus der ersten Fertigung angegeben werden kann. Dies ist so bei Teddybären, also den beweglichen Nachfolgern, grundsätzlich nicht möglich, da hier von ersten noch erhaltenen Originalen, den Bären PB 28 und 35, dutzende Stücke bekannt sind. Diese stammen alle aus dem Jahr 1904 und sind im Einzelnen durch bauliche Eigenschaften nicht näher zu bestimmen.

Kegelspiele, Stehaufe und andere Stücke aus der Zeit um die Jahrhundertwende werden zwar häufig älter beschrieben als sie tatsächlich sind – dies ist aber aufgrund von fehlendem, originalem Katalogmaterial zu verzeihen.

Lückenhaft

Leider gibt es von diesen alten Katalogen nur eine einzige Reproduktion aus dem Jahr 1892. Da besonders die Identifizierung und Zuordnung der Stücke aus der Zeit vor der Einführung des Steiff-Knopfs im Jahre 1904 schwierig ist, wäre eine solche Ergänzung für viele Sammler sicherlich hilfreich, zumal bereits ab 1898 Fotos verwendet wurden.

Durch einen glücklichen Zufall stand für diesen Artikel eines der wenigen noch erhaltenen Exemplare des Katalogs von 1894 zur Verfügung. Mit dem hier erstmals ausführlich vorgestellten Bären wird das erste bekannte Stück aus der Ur-Serie der Stehaufe überhaupt beschrieben. Auch aus dem Archiv der Firma Steiff ist keiner dieser Vorgänger der späteren Serie bekannt.

Auf jeden Fall handelt es sich um ein Stück mit historischer Bedeutung, es ist der nachweislich älteste bekannte Steiff-Bär und zusätzlich eines der ältesten überhaupt erhaltenen Steiff­tiere der Welt: der Stehauf Bär 658 von 1894.

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