Steiff und der Taylorismus

Bären unter der Lupe

10. Juni, 2013 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Steiff und der Taylorismus

Einer der großen betrieblichen Wendepunkte in der Geschichte der Firma Steiff war die Umstellung der reinen Handarbeit auf Fließbandtätigkeiten im Jahr 1925. Dem gingen einige Differenzen innerhalb der Famile Steiff voraus.

Vor der Einführung der Fließbandarbeit bei Steiff im Jahr 1925, hatte Hugo Steiff das sogenannte Taylorsystem einige Jahre innerbetrieblich getestet und am Ende auch durchgesetzt. Gegner dieser modernen Betriebsführung war sein Bruder Richard Steiff, der als Erfinder des Teddybären diesen Schritt nicht verhindern konnte. Die wesentlichen Merkmale des sogenannten Taylorismus sind unter anderem ein hoher Grad von Arbeitsteilung und Monotonie der Arbeit durch Anpassung an maschinelle Abläufe und ein stark ­hierarchisches System der Überwachung der Arbeiterinnen sowie Arbeiter. Das Ergebnis war die Massenproduktion von standardisierten Konsumgütern.

Ursache und Wirkung

Soweit die Theorie: Tatsächlich war die Umstellung innerhalb der Firma Steiff umstritten. Ein Beleg dafür ist ein Brief, den Richard Steiff an seinen Bruder Hugo verfasst hat. Auszüge aus diesem Brief finden sich in Günther Pfeiffers Buch „125 Jahre Steiff Firmengeschichte“: „Das Wichtigste dabei ist, vollendeter Geschmack. Der aber beim Taylorsystem nichts gilt, weil man ihn nicht mit der Sekundenuhr abstoppen kann. Diesen wichtigen Punkt, der erst die Aufträge schafft, unterdrückt das reine Fabrikationssystem vollständig. Das System Hugo darf nicht alleinherrschen. Es wird nie ohne fortwährende Verschönerung der Ware zu machen sein.“

Doch Richard Steiff konnte sich offensichtlich nicht gegen die Ideen seines Bruders durchsetzen und im Jahr 1925 wurde das Fließbandsystem bei Steiff endgültig eingeführt. Als erste Artikel liefen verschiedene Kindersportfahrzeuge, allen voran die Holzroller, vom Band. In der Festschrift von 1930, die vom damaligen Werbeleiter Karl Vallendor ausgearbeitet wurde, heißt es in der Kurzbiografie des Geschäftsführers Hugo Steiff: „Nach dem Besuch der Ingenieursschule griff auch er in die Geschicke des Unternehmens ein. Eine wichtige Arbeit war die Zurichtung zur Fließfertigung der verschiedenen Spiel- und Fahrtiere, insbesondere der Sportfahrzeuge. Ebenso widmete er seine besondere Sorgfalt dem Bau der Glashäuser, dem Ausbau und der Verbesserung der Fabrikation und der Rationalisierung derselben. Das Werk Herrn Hugo Steiffs war es, im Frühjahr 1925 die Umstellung des Betriebs auf Fließbandarbeit vorzubereiten und durchzuführen. Zuerst wurde der Steiff-Roller auf Fließarbeit umgestellt, die eine ungeahnte Verbilligung und Umsatzsteigerung dieses Artikels zur Folge hatte.“ Weiter heißt es: „Ende 1925 wurde dieses zeit-, weg- und lagersparende System auch auf die weichgestopften Tiere ausgedehnt, was eine teilweise Umstellung in Arbeitsvorbereitungen zur Folge hatte. Das Wesentlichste dabei ist, dass die große Lagerhaltung in halbfertigen Artikeln der verschiedenen Arbeitsstufen wegfällt, wodurch große Lagerräume frei wurden und rasch große Quantitäten durchgepresst werden können.“

Wie sich die Umstellung der Produktion innerhalb des Giengener Unternehmens auf die einzelnen Bären und Tiere ausgewirkt hat, ist vielen Sammlern nicht bekannt. Es gibt ein Merkmal, das die ersten Tiere und Bären, die von der Umstellung der reinen Handarbeit auf die Fließbandarbeit betroffen waren, gemein haben: Es sind die von außen gekettelten Ohren. Diese tauchen nicht nur bei kleinen Tieren wie dem Mode-Hund „Molly“, der als Neuheit des Jahres 1925 erschien und bei der Katze „Fluffy“ auf, die ein Jahr später vorgestellt wurde.

Gekettelte Öhrchen

Auch die Teddybären mit den Artikelnummern 5310 (13 Zentimeter Stehgröße) und 5313 (18 Zentimeter Stehgröße) verfügen eine kurze Zeit lang über dieses außergewöhnliche und seltene Merkmal. Es handelt sich bei diesen Tieren eindeutig um Produkte aus der Zeit der innerbetrieblichen Umstellung, sodass man davon ausgehen kann, dass die nur für eine kurze Zeit übliche Änderung in der Fertigungsart der Ohren in direkter Verbindung zur Fließbandfertigung und den damit ebenfalls verbundenen Preissenkungen in Verbindung stehen. Ein sehr schöner und seltener Beleg für die Einführung billigerer Teddybären auf Basis der Fließbandfertigung ist ein Rundschreiben der Firma Steiff vom Juni 1925, in dem die neuen, preiswerteren Bären ausführlich aufgelistet werden. Ein sehr interessanter Beleg, da ja in der Festschrift von 1925 erst das Jahresende 1925 als Einführungszeit für die Fließbandproduktion genannt wird.

Die Kopfzeilen beschreiben dabei die Umstellung nicht wortwörtlich, jedoch wird eindeutig Bezug auf eine Umstellung in der Produktion genommen: „Reduzierte Preise für Steiff-Teddy-Bären. Durch besondere Massnahmen in der Herstellung unserer Serien Teddy-Bären haben wir eine bedeutende Verbilligung erreicht, die ab 10. Juni 1925 für alle Lieferungen in Kraft tritt. Die Qualität bleibt natürlich die bekannt erstklassige und fällt teilweise glanzreicher und dichter im Plüsch an wie bisher.“ Im weiteren Verlauf des Schreibens werden noch die neuen Preise für Teddybären detailliert aufgeführt, die im Vergleich zu den Preislisten aus dem Frühjahr 1925 tatsächlich um etwa 15 Prozent niedriger liegen.

Querverweis

Auf der ­TEDDYBÄR TOTAL 2013 ist einer der sehr seltenen Teddybären mit umkettelten Ohren bei einem bekannten Händler aufgetaucht und wurde schnell verkauft. Der Händler bot ihn zu einem sehr fairen Preis an. Bei diesem Teddy handelt es sich um einen 18 Zentimeter großen, weißen Teddy, der zwar keinen Knopf mehr im Ohr hat, jedoch zweifelsfrei aus Giengener Produktion stammt.

In der Preisliste ist er aufgeführt als Artikel 5313, da ja zu dieser Zeit die Artikelnummern für Teddybären noch sitzend gemessen angegeben wurden. In dieser Größe wurden die Mohairfarben blond und weiß zu je 2 Mark 15 Pfennig angeboten. Der Teddy besitzt eine seitliche Druckstimme, was absolut typisch für einen Bären dieser Größe ist. Die Stimme wird nicht, wie später üblich, in der Artikelnummer als Zusatz „2“ aufgeführt. Auch diese Tatsache ist normal, da in den Katalogen generell angegeben wird, das jedes Tier eine Stimme besitzt, solange es die Größe zulässt.

Die zusätzliche Nummer „2“ bezieht sich zu dieser Zeit auf die größeren Bären mit automatischer Brummstimme. Die kleineren Nummern 5310, stehend 13 Zentimeter groß, haben oft anstatt einer Druckstimme eine eingebaute Glocke und werden nicht selten als sogenannte Rasselbären angeboten. Von diesen „Rasselbären“ sind einige Stücke mit umkettelten Ohren bekannt. Wie lange genau die Ohren von außen umkettelt wurden, kann jedoch nicht mehr exakt geklärt werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass es nur ein sehr kurzer Zeitraum war. Vermutlich wurden bereits ab 1928 die Ohren wieder in der alten, etwas zeitaufwändigeren Version von links genäht, anschließend gewendet und auf den Kopf aufgarniert.

Statistiken

Typisch für weiße Steiff-Teddybären sind die vier aufgarnierten Krallen an den Pfoten und Fußspitzen sowie die in gleicher Farbe ausgefallene Nasenbestickung. Ein besonders seltenes Dokument ist passend zum Teddy 5313 erhalten geblieben: Es handelt sich um ein kleines Buch für die genaue Angabe von Stückzahlen eines Holzwollstopfers aus dem Jahr 1924. Dieses Exponat ist ein zusätzlicher Beleg für die Einführung des Taylorsystems bei der Firma Steiff. Hier werden auf das Peinlichste genau Tag, Monat und Uhrzeit notiert, die Art der Arbeit, die Fertigungsmenge, der Lohnsatz, Verdienst, die Verbrauchszeit sowie der dadurch erzielte Stundenlohn. Die ersten Eintragungen in dem vorliegenden Buch stammen exakt vom 11. Juni 1924.

Die letzten Eintragungen beziehen sich auf den Februar des Jahres 1927. Ein Zufall, dass es sich hier genau um die Zeit handelt, in der unser Teddy 5313 gefertigt wurde? Eher ein unmissverständlicher Beleg aus den Zeiten der Industrialisierung der ­Margarete Steiff GmbH. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass es sich immer lohnt, die Angebote der Händler auf der ­TEDDYBÄR ­TOTAL ganz genau zu studieren: Es kann sich zwischen den vielen Angeboten auch immer eine besondere Seltenheit verbergen. Man darf gespannt sein, welcher Schatz sich auf dem nächsten internationalen Teddy-Treff, der Geburtstagsveranstaltung im Jahr 2014, heben lässt.

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