Steiff-Teddy Baby aus Kunstseide

Bären unter der Lupe

2. August, 2012 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Steiff-Teddy Baby aus Kunstseide

Kunstseidenplüsch hat in Sammlerkreisen einen schlechten Ruf. Er sei unansehnlich, wenn er bespielt wurde – heißt es. Dabei wird jedoch vergessen, dass Bären aus diesem Ersatzmaterial deutlich seltener sind, als die meisten Mohair-Petze. Ein Beispiel ist das Teddy Baby.

Die Ausführungen vieler Steiffartikel aus dem Ersatzmaterial Kunstseidenplüsch finden deutlich schwerer Liebhaber als die gleichen Ausführungen aus Mohairplüsch. Das Argument, dass die Qualität geringer sei, ist nicht völlig von Hand zu weisen; dennoch sollte man bei der Beurteilung von Teddybären aus diesem Material ein wenig Gnade walten lassen, da sie doch deutlich interessanter sind als es ihr Ruf vermuten lässt. Denn im Allgmeinen sind die Ausführungen aus Kunstseidenplüsch wesentlich seltener als diejenigen, die aus Mohairplüsch gefertigt worden sind.

Kriegswirren

Bei vielen Tier- und Teddymodellen wurde das Ersatzmaterial nur während einer kurzen Epoche um den Zweiten Weltkrieg benutzt. Aus der Zeit um 1949 sind diese Modelle den meisten Sammlern bekannt, da sie in den bekannten Nachschlagewerken aufgeführt sind. Nur wenige Sammler wissen dagegen, dass es schon ab 1940 bei Steiff in ­Giengen zu deutlichen Engpässen bei den Materiallieferungen gekommen ist und daher die Fabrikation auf die Ersatzstoffe umgestellt werden musste.

Da es aus dieser frühen Zeit des Ersatzmaterials Kunstseide keine detaillierten Auflistungen in der Literatur gibt, werden die auf dem Markt befindlichen Modelle dieser Periode fast ausnahmslos als Stücke der späten 1940er-Jahre beschrieben. Mit Hilfe eines der beliebtesten Bären aus der Produktion der Firma Steiff – dem Teddy Baby – wollen wir an dieser Stelle einmal genauer untersuchen, wo einerseits die Gemeinsamkeiten liegen und wie sich andererseits die Bären aus der frühen und der späten Zeit des Ersatzmaterials Kunstseide unterscheiden lassen.

Belege aus Notzeiten

Als grundlegenden Hinweis auf die Existenz der Bären aus Ersatzmaterial zwischen 1940 und 1943 gibt es zwei unveröffentlichte Quellen in Form der Preisliste DO 1940 sowie eines Rundschreibens der Firma Steiff vom 15. Januar 1941. In beiden Fällen sind keine Abbildungen der Bären und Tiere vorhanden, jedoch werden in dem Brief eindeutige Aussagen zur Materiallage gemacht: „Unsere Kollektion musste im Laufe des Jahres 1940 ganz wesentliche Einschränkungen erfahren, teils wegen Mangel an Arbeitskräften, teils weil die bisher verarbeiteten Rohstoffe nicht mehr erhältlich sind. In der 2. Hälfte des Jahres 1940 mussten wir uns auf Kunstseidenplüsche umstellen, wobei wir nach wie vor unser Hauptaugenmerk auf Qualität und Formschönheit gerichtet haben.“

Dies ist ein eindeutiger Beleg für die Fertigung von Teddybären und Tieren aus Kunstseidenplüsch schon während der Kriegszeit. Im weiteren Verlauf des Rundschreibens wird auf die bereits im Umlauf befindliche Liste DO 1940 eingegangen, dieses Mal aber mit weiteren Einschränkungen: „Mit unserem Rundschreiben vom September vorigen Jahres überreichten wir Ihnen die neue Liste DO 1940, welche diejenigen Artikel enthält, die damals in der Fabrikation vorgesehen waren. Einige derselben werden laut mitfolgender Liste nicht mehr angefertigt; belieben Sie diese aus Ihrer Liste DO 1940 zu streichen.“

Umstellung

Weiterhin heißt es „Illustrierter Katalog D39/40 ist überholt“. In diesem letzten Hauptkatalog vor dem kriegsbedingten Ende der Produktion waren noch vor allem Bären und Tiere in den alten Mohairqualitäten abgebildet. In der nun bereits erwähnten Liste DO 1940 werden Teddybären und Tiere zwar nicht gezeigt; ihre Bauart kann aber anhand der angegebenen Artikelnummer bestimmt werden. Aufgeführt sind insgesamt sechs Bären in den Größen 10 bis 50 Zentimeter, jedoch wird nur die kleinste Nummer noch als Mohairausführung, Artikel 5310, beschrieben.

Alle anderen Größen tragen an der zweiten Stelle der Artikelnummer, die bei dem Nummernsystem der Firma Steiff das Material beschreibt, eine „6“, welche für das Ersatzmaterial Kunstseidenplüsch steht. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bereits nach dem Ersten Weltkrieg das Ersatzmaterial mit der gleichen Ziffer bezeichnet wurde. Hier war es allerdings Holzfaserstoff. Ein Teddy in der Größe 50 Zentimeter hat also die Nummer 5650,2. Das bedeutet, dass der Bär gegliedert ist („5“), aus Kunstseidenplüsch gefertigt wurde („6“), 50 Zentimeter groß ist („50“) und eine eingebaute Stimme hat („2“).

Das Teddy Baby wird laut der Liste DO 1940 ebenfalls in Kunstseide angeboten: in der Größe 22 Zentimeter als Artikel 7622, in der Größe 30 Zentimeter als Artikel 7630,2 und in der Größe 38 Zentimeter als Artikel 7638,2. Nur die größte Ausführung gibt es noch als Artikel 7345,2 in der alten Mohairausführung. Vermutlich waren von dem für diese Größe benötigten Mohairplüsch mit passender Florlänge noch geringe Mengen vorhanden, sodass man hier noch weiterhin in der gewohnten Qualität produzieren konnte. Natürlich ist auch das Teddy Baby der Firma Steiff fünffach gegliedert, jedoch steht bei der Artikelnummer dieser Bären an vorderster Stelle eine „7“ für „karikiert“. Dahinter steckt eine traditionelle Bezeichnung für das tapsige Bärenbaby. Soweit die Theorie.

Die Praxis

Doch wie kann man nun die Teddys der beiden Fertigungsperioden unterscheiden? Die Artikelnummern sind identisch, die verwendeten Knöpfe geben ebenfalls keine wirkliche Auskunft, da ja bekanntermaßen in der Zeit nach 1947 noch Restbestände alter Knöpfe aufgebraucht wurden. Das Gleiche gilt für die ohnehin nur sehr selten erhaltenen Brustschilder mit dem Aufdruck „Teddy Baby“, sie sind – wenn überhaupt noch vorhanden – nicht als Unterscheidungsmerkmal geeignet, da in beiden Fällen die Schilder mit dem großen und leicht eckigen Bärenkopf verwendet wurden.

Weiterhin tragen die Ausführungen zwischen 1940 und 1949 keine ­Lederhalsbänder wie man sie von den ­Teddys aus Mohair kennt. Teddy ­Babys aus Kunstseide verfügen passend zum künstlichen Pelz über ein Kunst­lederhalsband. Es gibt jedoch einen bedeutenden Unterschied zwischen den Bären dieser beiden Epochen: die Florlängen der jeweils verwendeten Kunstseidenplüsche weichen deutlich von­einander ab. Der Flor der Bären, die vor 1943 produziert wurden, ist wesentlich kürzer als der später verwendete. Das gilt sowohl für das kleine Teddy Baby mit der Nummer 7622 als auch für die nächstgrößere Ausführung mit einer Stehgröße von 30 Zentimeter. Dadurch wirken diese ­Babybären etwas dünner und die Proportionen sowie die gebogenen Arme treten deutlicher hervor.

Vergleiche

Einige Sammler kennen diese Variante des Ersatzmaterials von den heute seltenen Werfpuppen, die es als Bären und auch Hasen in der Zeit zwischen 1942 und 1947 gab. Von den Werfbären wurden größere Mengen hergestellt. Allerdings sind heute nur wenige gut erhaltene Exemplare bekannt, da der für den Körper verwendete Trikotstoff sehr schnell reißt und die Bären damit nicht mehr als Spielzeuge zu gebrauchen waren. Gegen diese kurzflorige Variante des Kunstseidenplüschs wirkt die in der Zeit nach 1947 verwendete Art fast doppelt so lang und die Bären damit deutlich dicker.

Von den Teddy Babys der Zeit von 1948 bis 1950 wurde offiziell nur die Größe 30 Zentimeter hergestellt, allerdings in zwei Farben: salmblond und dunkelbraun. Von diesen Bären sind heute sogar noch die Stückzahlen bekannt; von der salmblonden Ausführung wurden von 1948 bis 1950 etwas mehr als 20.000 Stück produziert, von der dunkelbraunen Ausführung gab es dagegen in den Jahren 1949 und 1950 lediglich 3.000 Anfertigungen. Nur in den Stückzahllisten der Firma Steiff tauchen für das Jahr 1947 mit 22 sowie 25 Zentimeter noch zwei weitere Größen der beliebten Baby-Bären auf – ebenfalls als Kunstseidenplüschtiere – jedoch in so verschwindend geringen Mengen, dass sie wohl nicht katalogisiert waren.

Vermutlich handelt es sich bei diesen wenigen Bären noch um Restbestände aus der Produktion vor 1943 oder aber um Bären, die man noch aus Resten alter Materialbestände gefertigt hat. Wie viele Bären der alten Ausführung mit dem kurzhaarigen Plüsch hergestellt wurden, ist leider nicht bekannt. ­Tatsächlich sind diese Ausführungen sehr selten und wenn sie einmal auf dem Sammlermarkt auftauchen, werden sie üblicherweise als Produkte der Zeit um 1948 beschrieben. Sie sind auch in bespielten Zustand absolut sammelwürdig, da sie zum einen durch ihre vermutlich geringen Produktionsmengen ohnehin kaum auftauchen und damit als Raritäten zu bezeichnen sind. Zum anderen ge­hören sie einer spannenden und kaum erforschten Epoche der Firma Steiff an, aus der es sicher in Zukunft noch mehr zu berichten geben wird.

Diesen Artikel...
Kennen Sie schon?
PUPPEN & Spielzeug
Reise der Buchstaben
Puppen-Preisführer 2011