Kurioses und Groteskes

Begehrte Sammelstücke der 1920er-Jahre

21. Dezember, 2010 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Kurioses und Groteskes

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs gehörte vieles endgültig der Vergangenheit an: schnörkelige Architektur, mit Plüsch und Troddeln überfrachtete Wohnungen, verstaubte Ansichten. Die Moderne hielt Einzug, und sie brachte eine neue Formensprache mit, die nicht immer auf Anhieb verstanden wurde – sei es in der Kunst, sei es bei den Dingen des alltäglichen Lebens.

Der Umgang mit dem neuen Stil musste erst geübt werden. Bei diesem Prozess entstand häufig Ungewöhnliches, nicht nur uns heute kurios Anmutendes, sondern auch damals schon gewollt Groteskes. Man wollte die Sicht auf die Dinge verändern, indem man die Form zerbrach beziehungsweise völlig veränderte. Auch beim Spielzeug.

Trendsetter

Aus Amerika kam ein neuer Trend: Weg von der naturgetreuen Wiedergabe bei Puppen und Plüschtieren, hin zu karikaturhaften Schöpfungen mit riesigen Augen, viel zu großen Köpfen – Micky Maus grüßte am Horizont.

Auch in Sonneberg, bei der Firma von Bernhard Hermann, war man Neuem gegenüber aufgeschlossen. In diesen Jahren entstand eine ganze Reihe grotesker Tierplastiken, die heute zu den gesuchtesten Sammelstücken zählen. Nicht alle, die meisten jedoch waren Hunde. Der Freund des Menschen scheint sich für Darstellungen unter­­schiedlichster Art in Plüsch besonders gut zu eignen. Darüber hinaus waren Hunde zu allen Zeiten mehr als andere Haustiere der Mode unterworfen. Sie sind deshalb hervorragende Zeitzeugen.

Micky Maus lässt grüßen

Es wundert daher nicht, dass der in den 20er- und 30er-Jahren so beliebte Bullyhund – an sich eigentlich schon karikaturhaft genug – im Katalog jener Jahre mehrfach auch als Karikatur-Tier zu finden ist: Der „Apachenbully“ hat jedoch keine Federn auf dem Kopf, sondern war origineller weise mit einem runden Filzhut, einer Melone und einer Tabakspfeife ausgestattet, dazu trug er ein rotes Filzhalstuch. Seine Seriennummer 650 gab es in den Größen 13 und 18 Zentimeter. Er bestand aus „festem Garderobefilz“. Auch der „Zahnschmerzbully“, Serie 655, wurde in diesen beiden Größen angeboten. Er trug ein Lederhalsband und zeichnete sich durch einen „künstlerischen Gesichtsausdruck, mit Brille und (gepunktetem) Zahnschmerzentuch“, das um die geschwollene rechte Backe gewickelt ist, aus. Sein Blick scheint schmerzverzerrt, und man kann diesen armen Bully nicht ansehen, ohne spontan Mitleid mit ihm zu empfinden.

Serie 660 stellt einen – verglichen mit den beiden vorhergehenden Modellen – gemäßigten Bully dar, bei dem sein „origineller Gesichtsausdruck, mit Halskrause“ hervorgehoben wird. Hergestellt wurde der „Molton­­bully“ ebenfalls in zwei Größen, 13 und 20 Zentimeter. Daneben gab es noch Serie 50, „Jolly-Fox“, der die Augen nach einer Fliege verdreht, die ihm auf der Nase sitzt. Der Kopf war drehbar und der Hund hatte ein lustiges Gesicht. Hergestellt wurde er nur in der Größe 15 Zentimeter, das verwendete Material war Mohairplüsch.

Die Familie Langhals

Eine eigene Serie war die „Familie Langhals“, Serie 600. Sie bestand aus sechs Grotesktieren, alle 22 Zentimeter groß, wobei die Größe sich vorwiegend auf die Länge bezieht. Alle Tiere sitzen, sie sind nicht beweglich und wirken mit ihren verlängerten Hälsen wie langgezogen. Bis auf zwei Ausnahmen besteht auch diese Gruppe aus Hunden. 600/1 war ein Hase mit dunkel umrandeten Augen und einem gepunkteten Halstuch; lustigerweise trugen die übrigen Tiere Namen: der Dackel hieß „Herr Oberförster“ (Nummer 600/02). Er hatte einen Försterhut mit Feder auf dem Kopf und trug ein Monokel im rechten Auge sowie einen „Vatermörder“-Kragen um den Hals. Sein Blick ist streng.

600/3 war ein „Bräutigam“, ebenfalls ein Hund. Auch er trug ein Monokel und einen weißen hohen Kragen, dazu hatte er einen Zylinder über das linke Ohr gestülpt. Seine „Braut“, eine zweifarbige Katze mit der Seriennummer 600/4, scheint über die Verbindung nicht sehr glücklich zu sein: Ihre Augen blicken zweifelnd. Schleier und Halsband scheinen da auch nicht viel zu helfen. Vielleicht wäre ihr ein anderer lieber gewesen: der lustige hellfarbige „Treff“ zum Beispiel, Seriennummer 600/5, ebenfalls mit Hut und Kragen ausgestattet, der bei dieser eigenartigen Hochzeit womöglich den „Best man“ abgibt. Nummer 600/6, der „Großpapa“, schaut jedenfalls ziemlich bedenklich drein. Er trägt eine Brille auf der Nase und unter der runden Mütze legt sich seine Stirn in sorgenvolle Falten. Auch er hat sich mit einem Vatermörder-Kragen herausgeputzt.

Nicht nur Deko-, sondern auch Gebrauchsgegenstände waren die Nadelkissen, die damals in zwei Serien hergestellt wurden: Wieder waren es die beliebten Hunde der Zeit, die dafür Verwendung fanden: Serie 500, „Nadelkissen. Kissen aus langhaarigem buntem Zottelplüsch, mit Stimme. Kissen und Tierkopf weichgestopft“, bestand aus einem „Bullyhund mit Halskrausel“ (Nummer 500/1). 500/2 war ein „Pekinese-Hund“, 500/3 ein „Terrier-Hund“ und 500/4 ein „Jagdhund“ – dieser sieht einem Dackel ziemlich ähnlich. Serie 510 war laut Katalog „dieselbe Ausführung wie Serie 500, jedoch einfachere Verarbeitung“.

Zeitzeugnisse

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Plüschtiere wohl überwiegend für einen auch damals schon existierenden, erwachsenen Sammlerkreis gedacht waren. Kinder haben sie vermutlich nicht angesprochen, und wenn, dann größere Kinder, denn für kindliches Spiel waren sie weniger geeignet. Diese Modelle wurden daher auch nicht in großer Stückzahl hergestellt. Sie stellten ein kleines, exklusives Sammelgebiet dar. Doch auch wenn diese Hermann-Erzeugnisse vermutlich die meiste Zeit ihres Daseins auf einem Regal oder in einer Vitrine verbracht haben, dürften die heute (ohnehin nur sehr selten) aufzufindenden Stücke zumeist die ihnen mitgegebenen Accessoires verloren haben, was eine Zuordnung zusätzlich zur Seltenheit der Modelle erschwert. Vollständig erhaltene Exemplare sind ausgesprochen rar und gehören zu den gesuchtesten Sammelstücken von Hermann. Darüber hinaus sind sie Zeugnisse einer Zeit, deren Modernität heute fast schon
wieder revolutionär wirkt.

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