Ein Schatz an der Schätzstelle

Bären unter der Lupe

5. Juni, 2014 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Ein Schatz an der Schätzstelle

Die beliebte Schätzstelle für historische Teddybären und Plüschtiere ist fester Bestandteil jeder TEDDYBÄR TOTAL in Münster. In diesem Jahr wurden wieder viele Sammler vorstellig und präsentierten ihre Highlights.

Die Schätzstelle auf der ­TEDDYBÄR TOTAL ist jedes Jahr ein Besuchermagnet. Diesbezüglich ist ein leichter Trend festzustellen: Die Zahl der Sammler, die ihre im laufenden Vorjahr zusammengetragenen Schätze vorstellen, wird immer größer. Selbst erfahrene Sammler und Händler wissen die Informationen zu schätzen, die hier weitergegeben werden. Die Anzahl der Privatpersonen hingegen, die ihre Familienschätze vorstellen, ist in etwa auf dem Vorjahresniveau konstant geblieben.

Schmuckstücke

Zu den besonderen Highlights, die in diesem Jahr an der Schätzstelle vorgestellt wurden, zählte eine absolute Premiere: Ein großer Teddy der Firma Diem aus Sonneberg aus schwarzem Mohairplüsch war auf der ­TEDDYBÄR ­TOTAL zu bestaunen. Selbst die anwesenden spezialisierten Diem-Sammler hatten noch nie einen Teddy in dieser Farbgebung gesehen oder gar in der Hand gehalten. Die Besitzer waren eigens zur Vorstellung ihres besonderen Bären 600 Kilometer nach Münster angereist. Ein vorbildlicher Einsatz, der sich für alle Beteiligten gelohnt hat. Neben diesem erstmalig vorgestellten Teddy aus ­Sonneberger Produktion war noch ein sogenannter „cone-nosed“ Bärle PAB 5335,1 der Firma Steiff aus dem Jahr 1905 in gutem, leicht restaurationsbedürftigem Erhaltungszustand in Münster zu bestaunen. Diese Bären gehören zu den besonders gesuchten frühen Exemplaren der ersten Steiff-Bären mit Scheibengliederung und tauchen nur recht selten in dieser Größe auf.

Sensationsfund

Kurz vor dem Ende der Veranstaltung wurde noch ein sensationelles Stück präsentiert, ein seltener Teddy der Firma Willy Weiersmüller/Nürnberg, den eine Sammlerin vorstellte. Dieser aus einem Kunstseidenplüsch gefertigte Teddy hatte sogar noch sein originales Warenzeichen. In keiner der einschlägigen Literaturen ist ein solcher Teddy abgebildet. Freundlicherweise hat die Sammlerin den Teddybären leihweise für Fotoaufnahmen zur Verfügung gestellt, sodass dieses faszinierende Exemplar hier ausführlich unter die Lupe genommen werden kann.

Zur Geschichte der Firma ­Weiersmüller ist zunächst bekannt, dass sie in der Zeit zwischen 1920 und 1945 existiert hat und in Nürnberg ansässig war. Wie das ebenfalls in Nürnberg ansässige Unternehmen Bing hat auch Weiersmüller Teddybären in höchster Qualität hergestellt. Heute sind die Modelle nur an sehr wenigen Nuancen zu unterscheiden. Markante Merkmale wie das Grunddesign, die Form der Nasenbestickung sowie die zusätzliche Naht an den Beinen sind nahezu identisch. Außerdem sind die bei den Standardbären verwendeten Materialien sind so frappierend ähnlich, dass geschätzte 30 Prozent aller in der Literatur beschriebenen Bing-Bären eigentlich aus dem Hause Weiersmüller stammen. Da die Teddybären beider Firmen nur sehr selten mit originalen Warenzeichen zu finden sind, ist es in der Tat schwierig, sie auseinanderzuhalten.

Herkunftsnachweis

Einen der wenigen Hinweise auf die Herkunft kann die Anzahl der aufgarnierten Krallen geben. Wenn ein ­Teddy mit nur drei originalen Krallen pro Pfote und Sohle bestückt ist, stammt er üblicherweise aus dem Hause ­Weiersmüller. Wenn jeweils vier Krallen vorhanden sind, ist die Zuordnung schwieriger, da dies – je nach Zeit, Modell und Größe – von beiden Firmen gemacht wurde. Es ist ein glücklicher Zufall, dass vor Jahren ein Katalog über Stoffspielwaren und Puppen der Firma Weiersmüller aufgetaucht ist, der überhaupt erst eine Zuordnung eines bis dahin grundsätzlich der Firma Bing zugeordneten Teddybären in die richtige Richtung ermöglicht hat.

In diesem Katalog, der in das Jahr 1922 datiert wird, erscheinen nicht nur Teddybären, sondern auch Handpuppen und Bären auf allen Vieren, diese sind teilweise mit Rädern erhältlich.

Im Vorwort des Kataloges heißt es: „Ich gestatte mir, Ihnen anbei meinen neuesten Katalog zu unterbreiten, welchen Sie einer gefl. Durchsicht unterziehen wollen. Mein Fabrikat zeichnet sich besonders durch Verarbeitung von nur Ia Plüschen und bestem Material aus und läßt auch in Formvollendung nichts zu wünschen übrig. Die Rädertiere sind mit ff. Holzrädern ausgestattet, die nach meinem neuen Patentverfahren befestigt und mit Messingverkapselung versehen sind. Alle Rädertiere, von 35 cm Größe aufwärts, werden mit Verbindungsschienen geliefert. Ihren geschätzten Aufträgen sehe ich gerne entgegen und zeichne Hochachtungsvoll Willy Weiersmüller.“

Katalogisiert

Da das genannte Patent erst am 13. ­Januar 1925 beantragt und am 21. ­August 1926 eingetragen wurde, muss die ­Datierung des Kataloges ­überdacht werden, da sich der Urheber im Vorwort direkt auf diese Patentierung bezieht. Der Katalog sollte daher aus den Jahren 1925 oder 1926 stammen. Auf der ersten Produktseite dieses Kataloges ist ein Teddybär abgebildet, der in Design und Formgebung mit dem hier vorgestellten Bären identisch ist. Nur das beschriebene Material unterscheidet sich. Die im Katalog aufgeführten Teddybären sind aus Mohair­plüsch unterschiedlicher Qualität gefertigt.

Das Material Kunstseidenplüsch wird in diesem Katalog nicht erwähnt. Es gibt aber auch weitere Übereinstimmungen, und zwar die Größe in Verbindung mit der Art der verwendeten Stimme: alle Teddybären bis zu einer Sitzgröße von 22 Zentimeter werden mit einer Quietschstimme angeboten. Die größeren Nummern haben hingegen eine Druckbrummstimme. Genau diese Größe und auch eine solche einfache Stimme hat der hier vorgestellte originale Weiersmüller-Teddy. Doch zunächst fällt natürlich auf, dass er noch sein ursprüngliches Warenzeichen besitzt; dieses ist bei den bisher bekannten Bären dieser Firma nur in drei Fällen erhalten.

Warenzeichen

Die Vorderseite des Warenzeichens von Willy Weiersmüller wurde erst mit der Neuerscheinung des Teddybär-Lexikons der Familie Cieslik im Jahr 1998 der breiten Masse bekannt. Es ist an einem der bekannten Baby-Bären von ­Weiersmüller aus der Zeit um 1937 erhalten. Zusätzlich wird in dem Standardwerk eine Werbeanzeige aus dem Jahr 1937 abgebildet, die ebenfalls die „ Marke der Zufriedenheit“ zeigt. Das zweite bekannte und originale Warenzeichen befindet sich an einer Bären-Handpuppe. Interessanterweise wurde auch diese vor einiger Zeit auf der ­TEDDYBÄR ­TOTAL angeboten und befindet sich heute in einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen an historischen Plüsch-Handpuppen. Die Präsentation der Rückseite des Warenzeichens mit dem Aufdruck „Garantiert beste Verarbeitung“ ist an dieser Stelle durch den auf der ­TEDDYBÄR ­TOTAL vorgestellten Weiersmüller-Teddy erstmals möglich.

Ein seltener Fund

Es handelt sich bei dem Plüschgesellen um einen sitzend gemessen 22 Zentimeter großen, gegliederten Bären im sogenannten klassischen Design. Dazu gehören die langen Arme, ein ausgeprägter Buckel und ein markanter, aber recht einfacher Kopfschnitt mit weit herausragender Schnauze. Dieser Standardschnitt wurde in der Zeit vor 1940 von vielen Produzenten genutzt. Das Besondere ist das verwendete Material: ein blonder Kunstseidenplüsch mit kurzem Flor. Dieser Stoff ist jahrzehntelang von Sonneberger Produzenten für kleinere Teddybären verwendet worden.

Bei gegliederten, größeren Teddybären bedeutender Manufakturen taucht er jedoch nur sehr selten auf. Ein erstes Indiz für eine mögliche Datierung dieses Bären. Die Bezüge der Pfoten und Sohlen sind aus Leinen anstatt Filz gefertigt. In diesem Fall zugleich ein weiteres Indiz für die Datierung und zwar in die Krisenzeit des Zweiten Weltkrieges. Die Verwendung eben dieser Materialien bei der Firma Steiff in der Zeit nach 1940, die auch durch ein Rundschreiben aus Giengen belegt werden kann, ist mittlerweile ausreichend bekannt.

Materialfrage

Erfahrungsgemäß lässt sich diese kriegsbedingte Knappheit herkömmlicher Materialien wie Mohairplüsch und Filz auch auf andere zu dieser Zeit noch tätige Firmen übertragen. Ganz besonders auffällig sind jedoch die bei dem ­Weiersmüller-Teddy eingezogenen Schuhknopfaugen. Deren Verwendung ist hauptsächlich aus der Zeit vor 1921 bekannt. Nur wenige, erfahrene Sammler wissen, dass in der Krisenzeit des Zweiten Weltkrieges tatsächlich noch Schuhknopfaugen Verwendung fanden, und zwar wiederum bei Steiff in ­Giengen. Hier wurden für eine kurze Zeit um 1941 und einige Jahre später, um 1946, für die wenigen Produkte, die in dieser Zeit überhaupt entstanden, anstatt Glasaugen sogenannte Schuhknopfaugen aus Restbeständen oder Notlieferungen in die Köpfe von Teddybären und anderen Spieltieren eingezogen. Leider werden heute nur allzu oft Teddybären dieser Zeit vor allem in Auktionshäusern unerfahrener Auktionatoren in die Krisenzeit der Nachkriegsjahre des Ersten Weltkrieges datiert.

Da der Weiersmüller-Teddy ebenfalls originale Schuhknopfaugen besitzt und wenn man alle zusammengetragenen Informationen zusammenfasst, kommt für eine zeitliche Zuordnung dieses Bären nur ein kleiner, möglicher Herstellungszeitraum in Betracht: Er muss aus den Jahren 1940 bis 1942 stammen. Damit handelt es sich um einen der letzten Bären, die jemals von Weiersmüller in Nürnberg hergestellt worden sind. Das ist wirklich eine kleine Sensation und wir dürfen gespannt sein, welche Schätze auf der nächsten ­TEDDYBÄR ­TOTAL an der Schätzstelle auftauchen.

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