Der Piccolo-Glücksbär

Wer bin ich? Wir klären die Herkunft Ihrer Teddys

29. Juli, 2014 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Der Piccolo-Glücksbär

Ich besitze einen alten Bären, der sich dadurch auszeichnet, dass der komplette Bauchraum hohl ist. Klappt man ihn auf, findet man in seinem Inneren die Figur eines Schweinchens. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir bei der Bestimmung dieses ausgefallenen Teddys behilflich sein könnten.

Frank Ender per E-Mail

Sehr geehrter Herr Ender, der kleine Teddy, den Sie hier vorstellen, gehört zu den ganz großen Raritäten der Firma Schuco aus Nürnberg. Es handelt sich um einen fliederfarbenen, sogenannten Piccolo-Glücksbär aus der Zeit nach 1927. Gegründet wurde die Firma Schuco (Schreyer und Co.) bereits im Jahr 1912 von Heinrich Schreyer, der als finanzkräftiger Geschäftsmann fungierte, sowie von Heinrich Müller.

Müller galt als genialer Erfinder, der außerdem viel Erfahrung durch seine Tätigkeit bei der ebenfalls in Nürnberg ansässigen Firma Bing einbrachte. Bereits in den ersten Jahren nach der Firmengründung stellte sich offensichtlich ein großer Erfolg ein. Die produzierten mechanischen Bären, Tiere und Soldatenfiguren waren von herausragender Qualität und brauchten den Vergleich zu den mechanischen Produkten des Marktführers Bing nicht zu scheuen.

Miniaturen

Ein großer Erfolg war auch die Serie von Miniatur-Figuren, die unter dem Namen „Piccolo“ vertrieben wurde und zu der sogar eine Patentanmeldung aus dem Jahr 1921 bekannt ist. Zu den bekannten Piccolo-Figuren gehören Ausführungen als Maniküre-Set, Puderdosen, Parfumflakon und mit kleinen Fläschchen mit Korkverschluss für Liebesperlen. Der in der Patentschrift von 1921 enthaltene Patentanspruch beschreibt die Herstellungsweise und gibt einen einmaligen Einblick in die Bauart der neuartigen Figuren:

„1. Spielzeugfigur, deren Teile (Rumpf, Arme, Beine, Kopf) aus hohlgepreßten zusammengebogenen oder zusammengefügten Stücken aus widerstandsfähigem Material bestehen und mit Stoff überzogen sind, dadurch gekennzeichnet, daß der Stoffüberzug über die gegeneinanderliegenden Ränder der aus Blech hergestellten Teile nach Innen hereingezogen und zwischen den Rändern festgeklemmt ist. 2. Spielzeugfigur nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß am Rande der einzelnen Teile oder Nahe demselben nach Innen zu spitze Zacken vorgesehen sind, auf die der Stoff aufgehakt wird. […] 5. Spielzeugfigur nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, daß die Festlegung des Stoffes an der Schnauze und das Zusammenklemmen der Schnauzenhälften durch die Fäden erfolgt, die in üblicher Weise Maul und Nase darstellen.“ Zusammengefasst: Bleche biegen, Plüsch drum, zusammenbauen, Nase aufnähen, Bär fertig.

Herstellungsprozess

Auch Ihr Teddy wurde in dieser Art gefertigt. Er enthält noch immer die originale Glücksfigur und ist eine Neuheit des Jahres 1927. In diesem Jahr wird in der Fachzeitschrift „Deutsche Spielwaren-Zeitung“ diese Schuco-Neuheit beworben: „ Die neuesten Schuco-Fabrikate […] Teddy, 9 cm groß […] als Glücksbär enthaltend eine Glücksfigur.“ Wie weiterhin dieser Anzeige zu entnehmen ist, waren als Inhalt verschiedene Figuren zu bekommen; Elefant, Baby und das Glücksschweinchen werden genau erwähnt, weitere Inhalte werden angedeutet aber nicht genauer bezeichnet.
Ebenfalls fehlt in dieser Werbeanzeige die Aufführung verschiedener Farben, in denen die Piccolo-Bären hergestellt worden sind. Braune, blaue, grüne, rote, blonde und fliederfarbene Exemplare sind unter anderem bis heute bekannt geworden. Teddybären der Firma Schuco gehören noch immer zu den sehr gesuchten Stücken und vor allem die seltenen Ausführungen der Vorkriegszeit erzielen auch recht interessante Preise. Dabei gilt jedoch, wie bei fast allen Sammelgebieten, dass absolute Höchstpreise nur für perfekt erhaltene Objekte gezahlt werden. Außerdem ist bekannt, dass Piccolo-Figuren auch in originalen Geschenkkartons angeboten wurden, die jedoch nur sehr selten erhalten sind. Daher ist eine reelle Preisfindung für Ihr Exemplar nicht ganz einfach, es dürfte aber auf jeden Fall ein Betrag um Euro 350,– Euro zu erzielen sein.

Ich habe vor längerer Zeit auf einem Trödelmarkt diesen Teddy gekauft. Er war an Händen und Füßen ziemlich ramponiert. Das habe ich ein wenig ausgebessert. Das Innenleben besteht aus Stroh und auch eine Bewegungsstimme ist verbaut. Ich weiß nicht, woher er stammt. Vielleicht können Sie hier helfen.

Elke Bofarull per E-Mail

Sehr geehrte Frau Bofarull, der Teddy, den Sie hier vorstellen, ist ein ganz typisches Produkt aus einem Volkseigenen Betrieb der Deutschen Demokratischen Republik. Es handelt sich um einen Teddy im sogenannten „Sonneberger Schnitt“. So wird unter Sammlern ein Teddy mit eingesetzter Schnauze aus kürzerem Flor bezeichnet. Die Fertigungszeit dieses Bären liegt um 1955; in dieser Zeit waren Teddys dieser Art auch nachweislich in einem Katalog der „Handelszentrale Kulturwaren“ enthalten.

Bestimmung

Durch einen glücklichen Zufall ist es möglich, an dieser Stelle einen Auszug aus diesem Katalog mit Exemplaren zu zeigen, die Ihrem Teddy entsprechen. Der mit der Nummer „6“ bezeichnete Teddybär kommt Ihrem Modell sehr nahe. Leider werden die Bären in dem erwähnten Katalog nicht einer konkreten Herstellerfirma zugeordnet. Sie sind lediglich mit verschiedenen Artikelnummern bezeichnet. Man kann recht sicher davon ausgehen, dass die gezeigten Exemplare nicht aus einem einzigen Volkseigenen Betrieb stammen. Vielmehr ist es ein Abbild der gesamten zu dieser Zeit in den verschiedenen VEB und auch in den sogenannten Produktionsgenossenschaften des Handels gefertigten Plüschtiere.

Geschmackssache

Diese Teddybären wurden vor allem aus Kunstseidenplüsch hergestellt, der bei Produkten des Thüringer Raumes viele Jahrzehnte lang verwendet wurde. Dabei sind die Qualitäten der Plüsche unterschiedlich, diese verschiedenen Güteklassen bezeichnet der Fachmann als „Schlag“. Teddybären aus Kunstseidenplüsch gelten unter Sammlern nicht immer als sammelwürdig; viele Arctophile mögen das leicht struppige und schnell matt wirkende Material nicht. Selbst die bei Krisenprodukten hochwertiger Firmen verwendeten Kunstseidenplüsche finden nicht allzu viele Freunde unter den Sammlern.

Wertigkeit

Dabei wird immer wieder vergessen, wie selten einige dieser Ausführungen sind und welche Bedeutung sie für die Teddy-Historie eigentlich haben. Thüringer Teddybären aus Kunstseidenplüschen sind dagegen – wie auch in diesem Fall – wirkliche Massenartikel, die von fast allen Betrieben der Region für etwa 25 Jahre in allen erdenklichen Größen und Farben hergestellt wurden.

Die häufig geäußerte und veröffentlichte These, dass es sich bei Thüringer Bären aus Kunstseidenplüsch grundsätzlich um Jahrmarktsbären handelt, ist sicherlich nicht haltbar. Wie bei fast allen Plüschtierherstellern gab es in den Volkseigenen Betrieben und den Produktionsgenossenschaften des Handels je nach Auftragslage unterschiedliche Qualitäten im Angebot. Da Ihr Teddy fünffach gescheibt ist handelt es sich vielmehr um eine typische Kaufhausware, die auch in Versandhauskatalogen in aller Welt angeboten wurde.

Heute geht man davon aus, dass etwa 25 Prozent aller bis 1980 weltweit hergestellten Teddybären aus dem Thüringer Raum stammen. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Teddybären hier wirklich gefertigt wurden. Dieses Verhältnis wird aber auch bei den häufig angebotenen Schätzstellen für Teddybären deutlich: auch hier stammt etwa ein Viertel aller gezeigten Teddybären aus dem Sonneberger Raum und damit zu einem großen Teil aus Volkseigenen Betrieben.

Bei der im Rahmen der ­TEDDYBÄR TOTAL in Münster jährlich angebotenen Schätzstelle werden diese Bären auch in großer Zahl gezeigt. Besonders häufig tauchen sie aber in den neuen Bundesländern, so bei Schätzstellen in Dresden oder Leipzig auf. Hier sind diese Teddy­bären bei Sammlern etwas beliebter, da sie häufiger noch als Kindheitsbären in Erinnerung sind oder von den Eltern und Großeltern als Familien­bären vererbt wurden.

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