Bären unter der Lupe

Turbo Teddy - immer in Bewegung

27. Februar, 2012 - Kategorie: Aktuell, Antik & Auktion
Bären unter der Lupe

Einer der seltensten Bären aus der Nachkriegsproduktion von Steiff ist der Turbo Teddy aus dem Jahr 1951. Von diesem purzelbaumschlagenden Winzling wurden nur 814 Stück produziert. Heute ist es sehr schwer, ein vollständiges Exemplar zu bekommen.

Der Turbo Teddy ist einer der sport­lichsten Bären aus dem Sortiment von Steiff. Komplette Modelle, die auch noch die lesbare Artikelnummer auf der Ohrfahne haben, sind auch deshalb schwer zu finden, da der Petz beim Überschlagen über die Ohrfahne rollt. So ist es nur natürlich, dass bei häufigem Gebrauch die Fahne verschleißt und abfallen kann. In den Auktionen der letzten 20 Jahre sind kaum vollständige Exemplare dieser mechanischen Bären angeboten worden.

Auf Herz und Nieren

Der Ursprung aller mechanischen Teddybären, die sich überschlagen können, reicht weit in das frühe 20. Jahrhundert zurück. In den Jahren 1908 und 1909 haben die Firmen Bing in Nürnberg und Steiff in Giengen fast zeitgleich einen Bären mit Purzelbaummechanik auf den Markt gebracht. Mit einer Patent­anmeldung vom 11. Dezember 1908 ist die frühe Erfindung beziehungs­weise die Verbesserung bestehender Erfindungen aus dem Hause Steiff belegbar. Als Urheber und Erfinder wird Richard Steiff genannt.

Wann genau hingegen Bing sein Modell vorgestellt hat, lässt sich nicht so leicht nachvollziehen. Belegbar ist jedoch, dass bereits in einem Katalog aus dem Jahr 1910 verschiedene Ausführungen dieser mechanischen Petze auch in Nürnberg produziert und verkauft wurden. Besonders interessant ist dazu eine handschriftliche Bemerkung, die in einem der bis heute erhaltenen Plüschtierkataloge der Firma Bing zu finden ist. Hier ist der Vermerk „Wird 1910 nicht mehr produziert“ auf der Seite zu finden, die einen Purzelbären zeigt. Man kann also davon ausgehen, dass Bing seine Modelle nur zwei Jahre hergestellt und diese nach einem ebenfalls belegbaren, verlorenen Rechtsstreit mit Steiff aus dem Programm genommen hat.

Somit war das Unternehmen aus Giengen der einzige Fabrikant, der diesen Verkaufsschlager in der Zeit nach 1910 anbieten durfte. Erst Jahre später entstanden weitere Überschlagbären in Nürnberg. Dieses Mal stammten diese allerdings nicht aus der Produktion von Bing, sondern von der bekannten Firma Schuco. Aus welchem Grund hier die Fertigung nicht mehr untersagt wurde, bleibt ungeklärt. Vermutlich ist man bei Steiff nach den vielen Jahren davon ausgegangen, dass sich der Aufwand eines Rechtstreits nach der langen Produktionszeit nicht mehr gelohnt hätte, oder aber das Patent ist nicht verlängert worden.

Purzelbäumchen

Purzelbären von Steiff aus der Zeit zwischen 1909 bis 1918 werden heute trotz ihres hohen Alters immer mal wieder angeboten. Allerdings sind diese meistens schlecht erhalten. Besonders interessant ist die Beobachtung, dass die Mechanik auch bei völlig abgespielten Exemplaren meistens noch funktioniert. Sie ist unglaublich robust. Die Bären aus der Zeit von 1933 bis 1936 sind hingegen wesentlich seltener. Hier war die gefertigte Menge schon deutlich geringer. Da diese Modelle den in der Zeit um 1910 produzierten Teddys sehr ähnlich sind, ist eine genaue Unterscheidung der verschiedenen Purzelbären nicht ganz leicht.

Umso einfacher ist dies bei dem kleinsten Purzelbären der Firma Steiff, dem Turbo Teddy. Denn nur dieser wurde mit einer roten Filzweste angeboten. Dazu hat er ein ganz neues und dem Zeitgeschmack angepasstes Design mit rundlicheren Formen. Der Turbo Teddy oder auch Turbo Bär wurde – zunächst noch ohne Filzweste – im Neuheitenkatalog von 1951 erstmals vorgestellt und ist nur in diesem Jahr in den Steiff-Katalogen zu finden. Steiff produzierte ihn jedoch auch noch bis 1953, was die Stückzahllisten des Unternehmens belegen. In Jürgen und Marianne Ciesliks Buch „Knopf im Ohr“ ist die Stückzahl der jemals hergestellten Turbo Teddys sogar angegeben: es wurden lediglich 814 Exemplare von 1951 bis 1953 produziert. Das ist eine vergleichsweise geringe Menge zu den großen Stückzahlen, in denen andere Steiff-Teddybären auch schon ab 1947 gefertigt wurden.

Der Preis für einen Turbo Teddy wird in der Neuheitenpreisliste NDD 51 vom 7. März 1951 mit 6,80 DM angegeben. Zum Vergleich: im gleichen Katalog kostet ein 15 Zentimeter großer Panda 5,– DM. Damit ist der deutlich aufwändigere Turbo Teddy nur wenig teurer als sein gegliederter Kollege. Hier kann also kein Grund für fehlende Bestellungen liegen. Tatsächlich ist nicht zu ­erforschen, warum die purzelbaumschlagenden Winzlinge kein großer Erfolg waren und nur über einen kurzen Zeitraum hergestellt wurden.

Nummerncode

Interessant ist die Artikelnummer der Turbo Bären. Steiff vergab sie nur für diesen einen Artikel. Daher ist sie bei keinem zweiten Steifftier zu finden. Es handelt sich um den Artikel 9315,4. Dies ist eine Besonderheit, da sie nur nach der Nomenklatur der Vorkriegsproduktion aufzuschlüsseln ist. Die „9“ an erster Stelle steht für ein Steiff-Produkt mit Uhrwerk. Diese Ziffer wird in den Nummernerklärungen der Nachkriegsproduktion nicht mehr ­verwendet. Die „3“ für das Plüschmaterial ­Mohair sowie die „15“ für die Größe sind auch im Nummernsystem nach 1947 noch üblich. Dabei ist zu beachten, dass der Turbo Teddy lediglich etwa 12 Zentimeter groß ist. Allerdings handelt es sich um eine sitzende Variante. Der Teddy hätte stehend eine Größe von 15 Zentimeter. Die „4“ nach dem Komma bedeutet bis 1940 „einfache Ausführung“. In diesem Fall ist sie tatsächlich noch eine direkte Verbindung zu den in der Vorkriegszeit hergestellten Purzelbären, die eine fünffache Gliederung hatten und ­somit aufwändiger zu produzieren waren als eine Version mit fest angenähten Beinen.

Speziell ist die Ausstattung des Turbo Teddy hinsichtlich seiner Bekleidung. Die rote Filzweste dient nicht nur als nettes Accessoire, sie hat auch eine ganz praktische Funktion. Auf dieser Weste ist die Drehrichtung für den Armaufzug in Form eines kleinen schwarzen Pfeils aufgedruckt. Da der Turbo Teddy ohne Schlüsselaufzug funktioniert ist es natürlich wichtig, die Arme in die richtige Richtung zu drehen, um Beschädigungen am Uhrwerk zu vermeiden. Somit hat die fest angenähte Weste nicht nur modischen Charakter. Sie trägt auch dazu bei, dass der Mechanik der Turbo Bären eine lange Lebensdauer beschert wird. Das Uhrwerk selbst ist erstaunlich robust. Nur die wenigsten der heute erhaltenen Exemplare funktionieren nicht mehr.

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